Ashtanga Yoga und die Sāṁkhya-Yoga Philosophie

Der im PYI (Ashtanga Yoga Heidelberg) gelehrte Ashtanga Yoga, auch bekannt unter dem Namen Ashtanga Vinyasa Yoga, wurde vor allem durch Śri K. Patthabhi Jois (1915-2009) bekannt. Der Name Ashtanga (Skt. aṣṭāṅga) Yoga bezieht sich auf die 8 Glieder des "klassischen" Yogasystems des Patañjali, dem legendären Verfasser des Yogasūtra (bzw. Pātañjaliyogaśāstra, ab hier als YS bezeichnet). Der in der westlichen Yogarezeption in den Vordergrund gerückte körperliche Aspekt des Yoga (āsana) bildet lediglich eines der insgesamt acht Glieder.

Śri K. Patthabhi Jois lehrte hinsichtlich der körperlichen Yoga-Praxis insgesamt vier Āsana-Serien, die aufeinander aufbauen. Erst wenn die eine Serie gemeistert ist, wird mit der Praxis der nächsten Serie begonnen. Hierbei stehen 3 Techniken (Tristhāna) im Vordergrund: Viñyasa (hier zu dt. "eine vom Atmen geleitete Bewegung"), Bandha (zu dt. "Band", im Sinne eines muskulär aktivierten Verschlußes von inneren Muskelschichten zur Energielenkung) und Dṛṣṭi (zu dt. "Konzentrationspunkt"). Begleitet wird jede Bewegung von der Ujjāyi-Atmung (zu dt. "Siegesatmung"), welche zusätzliche Stabilität verleicht, tieferes und kontrollierteres Ein- und Ausatmen ermöglicht, und innere Hitze (skt. tapas) erzeugt. Śri K. Patthabhi Jois und sein Lehrer Śri Tirumalai Krishnamacharya vertraten die Meinung, dass die Beschreitung des Yogaweges, vor allem von heutigen Menschen aus dem Westen, mit dem dritten der acht Glieder des Pātañjala-Yoga begonnen werden sollte.

Das dritte Glied des Yoga ist die Āsanapraxis. Āsana bildet den Ausgangspunkt des Yogaweges, weil die heutigen Menschen, im Gegensatz zu einigen hochmotivierten Menschen in der Vergangenheit, meist nicht mehr dem weltlichen Leben vollkommen entsagen wollen und können, um ein asketisches Leben zu führen.

Denn bereits das erste Yogaglied Yama (zu dt. "Beherrschung"), beinhaltet das Ablegen eines Gelübdes, welches ahiṁsā (zu dt. "Gewaltlosigkeit"), satya (zu dt. "Wahrhaftigkeit", im Sinne von "stets die Wahrheit sprechen", oder "ehrlich sein"), asteya  (zu dt. "Auslassen von Diebstahl"), brahmacharya (zu dt. "Zölibat"), und aparigraha (zu dt. "Besitzlosigkeit") (siehe hierzu YS 1.30) vorsieht. Dies stellt für den westlichen Yoga-Praktizierenden bereits ein schwer zu bewältigendes Hindernis dar. 

Yama wurde sogar als "großer Schwur" (Skt. mahāvrata) bezeichnet, welcher unabdingbar und unanhängig von sozialer Klasse, Ort, Zeit und Umständen für die Erreichung der Ziele des Pātañjala Yogas befolgt werden sollte (jāti-deśa-kāla-samayāmavacchinnāḥ sarva bhaumā mahā-vratam, YS II, 31.  

Das zweite Glied des Yoga Niyama (zu dt. "eindringliche Beherrschung"), besteht aus der Kultivierung von śauca (zu dt. "Reinheit", im Sinne der Kultivierung eines von Negativität befreiten Geistes), santoṣa (dt. "Zufriedenheit"), tapas (dt. "Enthaltsamkeit" zum Zwecke der Entfernung von weiteren psychischen und körperlichen Unreinheiten), svādhyāya (dt. "Selbst-Studium" der heiligen Schriften), īśvarapraṇidhāna (dt. "Hingabe zu Īśvara"). Wer mehr über das Konzept über Īśvara erfahren möchte, dem sei, obwohl ich es heute nach meinem Verständnis noch optimierter ausdrücken könnte, meine Bachelor Thesis über Īśvara im Yoga ans Herz gelegt. Weil die Befolgung der ersten beiden Glieder normalerweise nicht so einfach möglich ist, jedoch das dritte Glied, Āsana, einen motivierenden und auf gesundheitlichen Ebene sehr vielversprechenden Ausgangspunkt bildet, beginnt der Yogaweg für viele Yogis heutzutage mit der körperlichen Praxis. 

Die erste Serie des Ashtanga Yoga nennt sich Yoga Cikitsā (zu dt. Yoga Theraphie, oder Yoga-Heilung). Ziel der ersten Sequenz ist eine grundliegende Kräftigung und Flexibilisierung des Körpers, die Schaffung eines gesunden menschlichen Bioresonanzkörpers.  

 

 

 

Die zweite Serie wird Nāḍi Śodhana (zu dt. Reinigung der feinstofflichen Energiekanäle) genannt. 

 

 

Die dritte Serie die Śri K. Pattabhi Jois lehrte, nannte er Sthira Bhaga A (zu dt. "Standhafte Würde"). 

 

 

Die vierte Serie die Śri K. Pattabhi Jois lehrte, nannte er Sthira Bhaga B (zu dt. "Standhafte Würde"). 

 

 

Es ist aus indologischer und religionswissenschaftlicher Perspektive nicht nachweisbar, dass die körperliche Ashtanga Yoga Praxis, wie sie heute geübt wird, mit der Praxis der damaligen Pātañjala-Yogins übereinstimmt. Dennoch haben medizinische Untersuchungen gezeigt, dass schweißtreibende Āsana-Yoga Praxis, wenn vorsichtig und an medizinischen Kriterien gemessen, richtig geübt wird, einen überaus förderlichen Effekt auf die Gesundheit, Kraft, Flexibilität und Wohlbefinden aufweist, was auch ohne den philosophischen Hintergrund, eine intelligente Körperkultivierung an und für sich, darstellt.  

Die physische Praxis des Ashtanga Yoga Weges bildet nur den Anfang des yogsichen Weges und ist in der Tat als äußere Praxis zu begreifen, welche auf die tiefere innere Praxis vorbereitet. Der Körper wird durch die physischen Übungssequenzen systematisch gekräftigt und gereinigt. Der ganze Bioresonanzkörper des Menschen wird hierdurch energetisiert und feingestimmt, um immer feinere Aspekte der menschlichen Existenz zu meistern. Diese "feineren Aspekte" der menschlichen Interaktion mit dem Universum, werden neben einem Grundverständnis der diesem System zu grunde liegenden metaphysischen Konzepte und philosophischen Ideen, durch Atembeherrschungsübungen (praṇayāma) und Konzentrationsübungen (dhāraṇa) kultiviert, welche zu meditativen Zuständen führen (dhyāna), die schlußendlich in vollkommener meditativer Absorption münden (samādhi) können. Die Fähigkeit diesen "mentalen" Raum zu erreichen, paradoxerweise eigentlich ein Raum fast frei von bloßer "Mentalität", aber voll von reinem Bewusstsein wird als das Tor zur vollkommenen Freiheit (kaivalya) beschrieben.

Patañjalis Yoga wurde in der indologischen Forschung oft als "klassischer Yoga" bezeichnet. Da die metaphysischen Grundannahmen auf dem philosophischen System des Sāṁkhya basieren, wird das Pātañjala-Yoga System oft auch als Sāṁkhya-Yoga bezeichnet.

Ein hervorzuhebender Aspekt, der dem modernen Ashtanga Yoga zugehörigen Āsana-Praxis, ist der hohe Grad an übungsstruktureller Systematik und der auf motivationsgeladener Routine angelegten Praktizierbarkeit und Effektivität, der durch das rhytmisierte Üben der Yoga-Haltungen entsteht.

Die Abfolge der Yoga-Haltungen, die Bewegungsabläufe die Yoga-Positionen einzunehmen und die Übergänge von Haltung zu Haltung werden in einem fest vorgegebenen Takt ausgeführt. Der Takt wird auch "Vinyasa-Count" (zu dt. "Zählung der vom Atem geleiteten Bewegungen") genannt. Traditionell wird die Abfolge auf Sanskrit von dem Lehrenden bzw. Anleitenden gezählt. Die Feste Abfolge der vier Übungsserien ermutigen und wirken inspirierend auf den sich graduell weiterentwickeln wollenenden Schüler. Sie bieten den großen Vorteil die Sequenz einfach auswendig lernen zu können. So kann eine regelmäßige und disziplinierte vom Lehrer unabhängige Yoga-Praxis für den Schüler entstehen, die schnell für den Einzelnen viele gesundheitliche und geistige Vorteile mit sich bringt.

Durch das repetetive Üben des Flusses der Āsanas entwickelt sich eine Bewegungsmeditation. Sie ergibt sich aus der aufrecht zu erhaltenden Konzentration auf exakte Bewegung in harmonischem Zusammenwirken mit der kontrollierten Atmung sowie dem Fixieren des Blickes auf bestimmte Konzentrationspunkte des Körpers, die für jede einzelne Haltung vorgegeben sind.

Alle diese Vorteile erwachsen aus der Spezifität des "Zählens" des Ashtanga Yoga. Dies scheint im Einklang mit den sāṃkhya-spezifischen philosophischen Grundmethode zu stehen, zumal hier, neben der Aufzählung der Bestandteile der Realität, viele weitere psychische- und physikalische Phämomene aufgezählt, dann systematisiert und in knappen und überraschend präzise formulierten Kategorien in das Lehrsystem integriert werden. Doch was hat es mit der philosophischen Praxis des Zählens im Sāṃkhya-Yoga genau auf sich?  

Sāṁkhya-Yoga

Sāṃkhya ist das erste philosophische System, welches sich in der vedischen Periode in Indien formte. Es durchdrang alle nachfolgenden religiös-spirituellen Traditionen Indiens wie Vedānta, die Purāṇische, die Viṣṇuitische, die Śivaitische, die Tāntrische, wie auch die medizinische Tradition des Āyurveda und vor allem Yoga (Larson 1999:732). Ein Grundverständnis der metaphysischen Kategorien und Prämissen des Sāṃkhya-Aspektes im Yoga ist unumgänglich für das Verständnis der Ideen und Ziele, die in den Texten des Patañjala-Yoga formuliert werden, denn er bildet die metaphysische Infrastruktur des Sāṁkhya-Yoga.

Sāṁkhya bedeutung "Zählung," oder "Aufzählung" (Williams 2002: 1199), denn Sāṁkhya ist eine philosophische Methode, welche die insgesamt 25 Bestandteile der Realität aufzählt. Das bekannteste Werk des Sāṁkhya ist die Sāṁkhyakārikā (SK) des Īśvarakṛṣṇa (Link führt zur Übersetzung von Richard Garbe 1892). Die SK enstand in etwa 400 n. u. Z. und gilt als das Hauptlehrwerk des sog. „klassischen Saṁkhya“.

Samkhya Yoga Heidelberg Tabelle
Die 25 Bestandteile der Welt.

Im System des Sāṁkhya wird das Universum letztendlich als ein Produkt von zwei vollkommen unterschiedlichen Grundprinzipien des Universums aufgefasst und ist daher als eine ungewöhnliche Form des Dualismus zu betrachten. Dies wäre zum Einen prakṛti (oft auch mit dem Synonym pradhāna bezeichnet), das Prinzip der Materialität. Zum Anderen puruṣa, das Prinzip des Bewusstseins (SK 3,11). Bewusstsein und Materialität bestehen aus sich slebst heraus, ohne Anfang. Durch das bloße Vorhandensein der Beiden entstehen aus der Materialität die 23 anderen Komponenten des Universums. Hieraus ergibt sich die Zahl 25. Die Materialität umfaßt auch alle psychischen Prozesse, d.h. den Intellekt (buddhi), das Ichbewusstsein (ahaṁkāra) und den Verstand (manas). Eine Vorstellung, die wir auch in der modernen Neurowissenschaft paradigmatisch vorfinden. Zum Anderen puruṣa, das reine Bewusstsein, welches als eine grundsätzlich von aller Materialität zu unterscheidende, omnipräsente Instanz sich vorgestellt wird  (SK 3,11).

Das Bewusstsein ist reines Sein, reine bezeugende, sehende Kraft, absolutes Subjekt. Es tut nichts anderes als die sich stetig im Wandel und Transformation befindliche Materie Welt zu beobachten. Es wird als die Essenz, ähnlich der christlichen Vorstellung der Seele, des Menschen betrachtetet. Es heißt, dass es unendliche viele "Einzelseelen" gibt, die auffälligerweise entweder als unendlich groß, oder unendlich klein vorgestellt werden. 

Die Materialität hingegen, besteht selbst aus drei konstiuierenden Grundeigenschaften oder dynamischen Strängen (skt. "guṇa"), die immer und überall nur gleichzeitig existieren können. Aus ihrem Zusammenspiel und Wirken und zahlreichen Permutationen entfaltet sich Schicht für Schicht, vom den sehr feinstofflichen Komponenten, hin zum immer grobstofflicheren Bestandteilen des materiellen Universums. 

Eine Gemeinsamkeit, die Bewusstsein und Materialität haben, ist ihre Ewigkeit. Im Gegensatz zur Materialität ist das Bewusstsein jedoch untätig und reiner Zeuge,  bzw. Beobachter aller materiellen Elemente und Prozessen der Realität (SK 19, 20).

Das Sāṁkhyasystem wird im indischen Denken als satkārya klassifiziert, was bedeutet, dass die Ursachen der Welt in ihrem Effekt vorhanden sind. Grobe Materie ist eigentlich ein Derivat von subtileren, feinstofflicheren Elementen und diese wiederum von etwas noch Feinstofflicherem, dem Ego (Skt. ahaṃ kara), welches wiederum ein Derivat von buddhi, dem Intellekt, bzw. der reinen Intelligenz, im Sinne von Unterscheidungsvermögen, ist. Es herrscht die Vorstellung, dass nicht nur Lebewesen, wie dem Menschen, eine intelligente Struktur auf feinstofflicher Ebene zugrunde liegen, sondern auch auf universeller Ebene, die Materialität von einer intelligenten Grundordnung durchdrungen ist. 

Die Interaktion von Bewusstsein und Materie bewirkt somit eine stufenweise Entwicklung des materiellen Universums, deren Auslöser die drei Grund Prozess der Materialität sind. Diese werden als sattva (dt. "Luziditätsprozess"), rajas (dt."Energetisierungsprozess") und tamas (dt. Objektivierungsprozess) bezeichnet. Alles, was aus der materiellen Realität besteht, ist aus einer spezifischen Permutation dieser beiden zusammengesetzt. Diese konstituierenden Prozesse sind keine Qualitäten der Materie, sondern vielmehr sind sie welche im eigentlichen Sinne die Materialität manifestieren lassen. Weil es in ihrer Wesensartigkeit liegt, Verbindungen mit jeweils den beiden anderen einzugehen und nach einem Übergewicht über sie zu streben, verändert sich ihr Verhältnis, wodurch der Entfaltungsprozess der mannigfaltigen materiellen Welt in Gang gesetzt wird. Ihr Ungleichgewicht ist der Antrieb der Veränderungen in der Welt und verursacht somit ihre ständig wechselnde Erscheinung. Die  sind demzufolge dasjenige, was das Weltgeschehen in Gang setzt und hält (SK 15-16).

Für Patañjala Yoga sind die drei Guṇas vor allem hinsichtlich ihrer psychologischen Manifestation und dem meditativen Fokus des Textes wichtig, denn der Geist (Unterscheidungsvermögen, Identifikationsvermögen, und das Denkvermögen, kurz Skt. citta) und alle psychologischen Dispositionen werden der Materialiät zugeordnet und bestehen aus den Guṇas. Entsprechend der Mischung und Proportionalität der Guṇas, haben Lebewesen verschiedene Mentale Konfigurationen und psychologische Dispositionen (Bryant 2005: xlviii). Wenn in einem individuellen Lebewesen ein Übergewicht von sattva vorherrscht, manifestiert sich in diesem die Qualität von Klarheit, Ruhe, Weisheit, Unterscheidungsfähigkeit, Losgelöstheit, Glücklichkeit und Friedlichkeit. Wenn rajas
dominiert, manifestiert sich Verlangen, Anhaftung, Leidenschaft, Rastlosigkeit, Kraft und kreative Aktivität. Ist tamas die vorherrschende Eigenschaft, manifestiert sich Stille, Unwissenheit, Täuschung, Desinteresse, Teilnahmslosigkeit, Schlaf und Abneigung gegen Aktivität (Friedrich1997: 56-59).

Basierend auf den hier kurz angerissenen Grundkonzepten des Sāṁkhya sollen im Folgenden die Ziele des Yoga erläutert werden, welche die relevanten Eckpunkte der Sāṃkhya-Metaphysik innerhalb des YS weiter ausführen und vor allem hinsichtlich der Erwähnung Īśvaras im Yogasystem des Patañjali von zentraler Bedeutung sind.

Die Ziele des Patañjala Yoga

Patañjali definiert Yoga im zweiten Sūtra (dt. "Aphorismus") des ersten Kapitels, genannt Samādhipāda, als die (willentliche, vorübergehnde) Zum-Stillstand-kommen (nirodha) der Aktivitäten oder Tätigkeiten (vṛttis) des Geistes. Die vṛttis sind Gedankensequenzen, kognitive Tätigkeiten, Ideen, Vorstellungen und jede Art von Aktivität des citta, des Denkorgans bzw. der Geistessubstanz. Citta wird im Patañjala Yoga als eine materielle Substanz betrachtet, welche die eintreffenden Sinnesdaten auswählt, filtert, organisiert, analysiert und die physischen Erscheinungen ausformt. Sinneseindrücke und Gedanken sind Abdrücke in diese mentale Substanz.

Alle diese Tätigkeiten des Geistes werden der Materialität zugeordnet und sind stets durch die sich gegenseitig wechselwirkenden Guṇas in Bewegung und durchlaufen somit deren entsprechende Zustände. Citta, der aus Materie bestehende Geist unterscheidet sich grundsätzlich von dem reinen Bewusstsein, dem Wesenskern des Menschen. Sowohl Geist als auch der Körper sind beide nicht bewusst, und sind nutzlos ohne den bewussten Beobachter, puruṣa (Bryant 2005: liii).

Sobald das Bewusstsein im Meditationsprozess vom Verstand losgelöst wird und nicht mehr von den physischen Bedeckungen des Körpers und Geistes beeinträchtigt wird, dann erscheint die Seele in seinem autonomen Zustand, frei von Inhalt, unwandelbar, stolpert nicht vom einen Objekt zum nächsten wie der Verstand. Um das reine Bewusstsein als Ganzheit zu realisieren, als etwas verschiedenes und autonomes vom Geist, bestehend aus Verstand, Ego und Intellekt, müssen die Gedanken auf allen materiellen Ebenen, sukzessive zur Ruhe gebracht werden. Auf diese Weise kann das reine Bewusstsein, die Seele, der menschliche Wesenskern von seiner Verwicklung mit dem Verstand und seiner unaufhörlichen Denknatur extrahiert werden. Dieser Realisierungsprozess von essenziellem Bewusstsein als etwas Verschiedenes von Körper und Geist ist Patañjala Yoga (Bryant 2005: liv).

Projiziert das reine Bewusstsein seine Sehende Kraft auf irgendein Objekt in Grobmateriellen Welt. Muss es zunächst durch die Brille der sehr feinen materiellen Relialität schauen. Der erste Filter, um sagen wir ein Buch zu erkennen und es zu lesen, ist buddhi, der Intellekt. Buddhi ist der unterscheidende Aspekt des Geistes, die Funktion die dazu dient ein Objekt, ein "Etwas", als "Etwas anderes von einem selbst zu erkennen". Buddhi bildet die erste Schnittstelle zwischen Bewusstsein und der materiellen Außenwelt. Diese Kraft ermöglicht das entstehen von "Ich", von "Ego", es bewirkt eine Individuation, eine "Abgrenzung". Hier entsteht das Gefühl, etwas vom Rest des Universums Abgetrenntes Indiviuum zu sein. Durch das Ego scheint die bezeugende Kraft des Bewusstseins auf die Außenwelt. Hieraus ensteht einerseits manas, der denkende und organisierende Aspekt des Geistes, die fünf Handlungs- und Tatsinne, sondern auch die fünf feinstofflichen und grobstofflichen Elemente. Der Intellekt ist alldings als erstes und feinstofflichstes Derivat der Materialität, die erste Schichte auf die das Bewusstsein seine reine sehende Kraft projiziert. Entsprechend der Form der erfahrenen Objekte, Gedanken, Ideen und durch die Kraft des Bewusstseins, formt sich buddhi selbst in die Form der erfahrenen Objekte und erscheint als belebt. Das Bewusstsein durchdringt und belebt den materiellen Geist, wodurch es den Anschein hat, dass der Geist selbst bewusst wäre. Aus diesem Grund misidentifiziert der belebte Verstand, citta, das Bewusstsein, puruṣa, mit sich selbst und setzt Bewusstsein mit den vṛttis, den wogenden Gedanken und mentalen Aktivitäten gleich. Diese Fehlidentifikation wird avidyā, Unwissenheit, genannt, die Ursache für die Bindung an saṁsāra, den Geburtenkreislauf. Weil der Intellekt permanent in die Bilder, die ihm von Verstand und den Sinnen vermittelt werden, verwickelt ist, wird die Reflexion die das Bewusstsein zurück empfängt durch die sich wandelnden Tätigkeiten des citta, den vṛttis, verzerrt.

Somit identifiziert sich das dem Menschen innewohnende wahre Selbst, puruṣa, das Bewusstsein, mit der Welt der Materialität, der Welt der Veränderung und den sich verändernden Zuständen des Verstandes. Das eigentlich reine und unberührte, von Grund azuf verschiedene Bewusstsein identifiziert sich mit den Erfahrungen des Körpers und des Geistes, wie Geburt, Tod, Krankheit, Alter, Glück, Leid, Friedlichkeit, Ärger, Trauer, Angst usw., obwohl dies lediglich Transformationen sind, die im unbelebten und äußerlichen Körper und Verstand geschehen und somit nicht mit Bewusstsein, dem wahren Selbst, der Seele, verbunden sind. Diese Fehlidentifikation, welche zur Unwissenheit führt, ist der Grund für die Bindung an die Welt (Bryant 2005: lvi).

Yoga ist daher in diesem Kontext als ein Prozess bezeichnet werden, der die rajas- und tamaslastigen Qualitäten der Denk- bzw. Geistessubstanz, citta, zu stillen und die sattvische Grundeigenschaft im Körper und Geist des Yogīs zu erhöhen. Das von Patañjali erklärte Hilfsmittel, um die vṛttis des citta zu stillen, ist Meditation. Meditation ist das Fixieren der Aufmerksamkeit (Konzentration) auf ein beliebiges Objekt, ohne durch äußerliche Einflüsse und/oder dadurch ausgelöste fluktuierende Gedanken(-sequenzen), davon abzuweichen. In diesem Zusammenhang wird auch Īśvara eingeführt. Īśvara erscheint, mit wesentlich mehr sūtras als alle anderen Objekte, als das wichtigste Meditationsobjekt im Samādhipāda. Durch Konzentration und Meditation (oder durch Īśvaras Gnade) können die Einflüsse von rajas und tamas eingeschränkt werden und der sattvische Aspekt des materiellen, kann in der Geistessubstanz des Praktizierenden, sein Potenzial entfalten. Wenn der Geist ruht, d.h. wenn keine Gedanken oder Objekte mehr am Horizont der Bewusstheit sind, hat das Selbst, das reine Bewusstsein, keine andere Wahl, als sich seiner Selbst gewahr zu werden. Dies ist Selbsterkenntnis. Dieser Bewusstseinszustand, in dem nichts mehr außer dem Selbst, dem reinen Bewusstsein, wahrgenommen werden kann, ist asaṃprajñata samādhi, das endgültige Ziel des Patañjala Yoga (Bryant 2005: lvii) und Ashtanga Yoga in Heidelberg.

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