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Das traditionelle Ziel der Ashtanga Yoga Praxis

Gepostet von Nils Jacob Liersch am 06.01.2019 - 01:28
om symbol enlightenment

Patañjali definiert Yoga im zweiten Sūtra (dt. "Aphorismus") des ersten Kapitels, genannt Samādhipāda, als das (willentliche, vorübergehnde) Zum-Stillstand-kommen (nirodha) der Aktivität (vṛttis) des Geistes. Die vṛttis sind Gedankensequenzen, kognitive Tätigkeiten, Ideen, Vorstellungen und jede Art von Aktivität des citta, des Denkorgans bzw. der Geistessubstanz. Citta, die Geistessubstanz wird im Patañjala Yoga als eine materielle Substanz betrachtet, welche die eintreffenden Sinnesdaten auswählt, filtert, organisiert, analysiert und die physischen Erscheinungen ausformt. Sinneseindrücke und Gedanken sind Abdrücke in diese mentale Substanz.

Alle diese Tätigkeiten des Geistes werden der Materialität zugeordnet und sind stets durch die sich gegenseitig wechselwirkenden guṇas in Bewegung und durchlaufen somit deren entsprechende Zustände. Citta, der aus Materie bestehende Geist unterscheidet sich grundsätzlich von dem reinen Bewusstsein, dem Wesenskern des Menschen. Sowohl Geist als auch der Körper sind beide nicht bewusst, und sind nutzlos ohne den bewussten Beobachter, puruṣa (Bryant 2005: liii).

Die Stillung aller materiellen Aktivität durch Meditation ist das freischälen der Seele

Sobald das Bewusstsein im Meditationsprozess vom Verstand losgelöst wird und nicht mehr von den physischen Bedeckungen des Körpers und Geistes beeinträchtigt wird, dann erscheint die Seele in ihrem autonomen Zustand, frei von Inhalt, unwandelbar, stolpert nicht vom einen Objekt zum nächsten wie der Verstand. Um das reine Bewusstsein als Ganzheit zu realisieren, als etwas verschiedenes und autonomes vom Geist, müssen die Bewegungen auf allen materiellen Ebenen, sukzessive zur Ruhe gebracht werden. Auf diese Weise kann das reine Bewusstsein, die Seele, der menschliche Wesenskern von seiner Verwicklung mit dem Verstand und seiner unaufhörlichen Denknatur extrahiert werden. Dieser Realisierungsprozess von essenziellem Bewusstsein als etwas Verschiedenes von Körper und Geist ist Patañjala Yoga (Bryant 2005: liv).

Projiziert das reine Bewusstsein seine Sehende Kraft auf irgendein Objekt in der grobmateriellen Welt, muss es zunächst durch die Brille der sehr feinen materiellen Relialität schauen. Der erste Filter, um, sagen wir z.B. ein Buch zu erkennen und es zu lesen, ist buddhi, der Intellekt. Buddhi ist der unterscheidende Aspekt des Geistes, die Funktion, die dazu dient ein Objekt, ein "Etwas", als "Etwas anderes von einem selbst zu erkennen". Buddhi bildet die erste Schnittstelle zwischen Bewusstsein und der materiellen Außenwelt. Diese Kraft ermöglicht das entstehen von "Ich", von "Ego", es bewirkt eine Individuation, eine "Abgrenzung". Hier entsteht das Gefühl ein vom Rest des Universums abgetrenntes Individuum zu sein. Durch das Ego scheint die bezeugende Kraft des Bewusstseins auf die Außenwelt. Hieraus ensteht einerseits manas, der denkende und organisierende Aspekt des Geistes, die fünf Handlungs- und Tatsinne, andererseits die fünf feinstofflichen und grobstofflichen Elemente. Der Intellekt ist alldings als erstes und feinstofflichstes Derivat der Materialität, die erste Schicht auf die das Bewusstsein seine reine sehende Kraft projiziert. Entsprechend der Form der erfahrenen Objekte, Gedanken, Ideen und durch die Kraft des Bewusstseins, formt sich buddhi selbst in die Form der erfahrenen Objekte und erscheint als belebt.

Der denkende, unterscheidende Verstand und das Ich-Gefühl sind nicht der Wesenskern

Das Bewusstsein durchdringt und belebt den materiellen Geist, wodurch es den Anschein hat, dass der Geist selbst bewusst wäre. Aus diesem Grund misidentifiziert der belebte Verstand, citta, das Bewusstsein, puruṣa, mit sich selbst und setzt das Bewusstsein mit den vṛttis, den wogenden Gedanken und mentalen Aktivitäten gleich. Diese Fehlidentifikation wird avidyā, Unwissenheit, genannt, die Ursache für die Bindung an saṁsāra, den Geburtenkreislauf. Weil der Intellekt permanent in die Bilder, die ihm von Verstand und den Sinnen vermittelt werden, verwickelt ist, wird die Reflexion die das Bewusstsein zurück empfängt durch die sich wandelnden Tätigkeiten des citta, den vṛttis, verzerrt.

Die Fehlidentifikation von ewigem Bewusstsein mit vergänglichen Bestandteilen der Materie

Somit identifiziert sich das dem Menschen innewohnende wahre Selbst, puruṣa, das Bewusstsein, mit der Welt der Materialität, der Welt der Veränderung und den sich verändernden Zuständen des Verstandes. Das eigentlich reine und unberührte, von Grund auf verschiedene Bewusstsein identifiziert sich mit den Erfahrungen des Körpers und des Geistes, wie Geburt, Tod, Krankheit, Alter, Glück, Leid, Friedlichkeit, Ärger, Trauer, Angst usw., obwohl dies lediglich Transformationen sind, die im unbelebten und äußerlichen Körper und Verstand geschehen und somit nicht mit Bewusstsein, dem wahren Selbst, der Seele, verbunden sind. Diese Fehlidentifikation, welche zur Unwissenheit führt, ist der Grund für die Bindung an die Welt (Bryant 2005: lvi).

Yoga ist daher in diesem Kontext als ein Prozess bezeichnet werden, der die rajas- und tamaslastigen Qualitäten der Denk- bzw. Geistessubstanz, citta, zu stillen und die sattvische Grundeigenschaft im Körper und Geist des Yogīs zu erhöhen. Das von Patañjali erklärte Hilfsmittel, um die vṛttis des citta zu stillen, ist Meditation. Meditation ist das Fixieren der Aufmerksamkeit (Konzentration) auf ein beliebiges Objekt, ohne durch äußerliche Einflüsse und/oder dadurch ausgelöste fluktuierende Gedanken(-sequenzen), davon abzuweichen.

Gnade mir Gott

In diesem Zusammenhang wird auch Īśvara eingeführt. Īśvara erscheint, mit wesentlich mehr sūtras als alle anderen Objekte, als das wichtigste Meditationsobjekt im Samādhipāda des YS. Durch Konzentration und Meditation (oder durch Īśvaras Gnade) können die Einflüsse von rajas und tamas eingeschränkt werden und der sattvische Aspekt des materiellen, kann in der Geistessubstanz des Praktizierenden, sein Potenzial entfalten. Wenn der Geist ruht, d.h. wenn keine Gedanken oder Objekte mehr am Horizont der Bewusstheit sind, hat das Selbst, das reine Bewusstsein, keine andere Wahl, als sich seiner Selbst gewahr zu werden. Dies ist Selbsterkenntnis. Dieser Bewusstseinszustand, in dem nichts mehr außer dem Selbst, dem reinen Bewusstsein, wahrgenommen werden kann, ist asaṃprajñata samādhi, das endgültige Ziel des Patañjala Yoga (Bryant 2005: lvii).

Von Nils Jacob Liersch 2014

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