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Das Wesen der Seele im frühen Yoga

Gepostet von Nils Jacob Liersch am 05.01.2019 - 23:27
Seele Yoga Heidelberg

Was ist das Wesen der Seele in der klassischen Sāṃkhya-Yoga Philosophie? Wie wird die Existenz der Seele in der Sāṃkhya-Yoga Philosophie bewiesen? Wie ist das Verhältnis der Seele zu den Organen und dem Leib? Wie ist das Verhältnis der Seele zum Handeln? Was ist die Aufgabe der Seele?

Die Antwort auf diese Fragen habe wurden Īśvarakṛṣṇas Sāṃkhyakārikā (Vers 11-21) inkl. dem Sāṃkhyatattvakaumudī Kommentar von Vācaspati Miśra entnommen. Die Sāṃkha-Philosophie bildet die metaphysische Grundlage, die Theorie für die Praxisanleitung, die in Patañjali Yogasūtra niedergeschrieben wurde.

Hier der Link zum .pdf-Dokument:

http://gretil.sub.uni-goettingen.de/gretil_elib/VSk892__Vacaspatimisra_Samkhyatattvakaumudi_DE_Garbe.pdf

Dieser Blogartikel möchte keinen Anspruch auf Wahrheit erheben, sondern einfach nur die Lehre der Seele, wie sie in Īśvarakṛṣṇas Sāṃkhyakārikā dargestellt ist in ihren Grundzügen wiedergeben. Zur Verdeutlichung mancher Punkte, werden teilweise verwandte Texte herangezogen.

Die Lehre von der Seele

Das Wort für Seele in der Sāṃkhyakārikā heißt puruṣa, was ursprünglich "Mensch, Person" bedeutet. Das was das Wesentliche am Menschen ist.  Die wohl älteste Erklärung für dieses Wort ist puriśete "der in der [Leibes-] Stätte befindlich ist".

Beweise für die Existenz der Seele

Die Seele ist deshalb anzunehmen, weil alles was zusammengstezt ist, zum Zwecke von etwas anderem da ist, und weil es ein Gegenteil von dem geben muss, was aus den 3 Guṇas (die drei Grundkonstituenten der Materie) besteht und die sonstigen Eigenschaft der Materie besitzt. Die Urmaterie und alle ihre Produkte sind zusammengesetzt. Alles Zusammengesetzte dient aber dem Zwecke eines anderen, wie z.B. das Bett dem Körper des Schläfers dient. Der Körper wiederum ist zum Zwecke eines anderen da, weil es auch eine Zusammensetzung aus Teilen ist. Dieses andere muss aber unzusammengesetzt sein und mithin von allem materiellem verschieden sein, da wir sonst ein regressus in infinitum anheimfallen würden (Kārikā 17). Die Existenz der Seele ist ferner notwendig, "weil es einen Regierer (adhiṣṭhātṛ) geben muss".
 
Wie der unbewusste Wagen von dem mit Intelligenten/Bewusstsein begabten Lenker geleitet wird, so muß die gesamte ungeistige Materie von einem bewussten Prinzip regiert werden; andernfalls wären die zweckmäßigen Entfaltungen und Verbindungen der Materie
unerklärlich. Die Leitung der Seelen als bewußtes Prinzip, also durch die Gesamtheit der Seelen, beruht aber nach der Sāṃkhya-Lehre nicht auf einem bewussten Willen, sondern auf dem bloßen Vorhandensein der Seelen, das auf Materie einen mechanischen Reiz ausübt wie ein Magnet auf Eisen.

Der nächste Grund für die Existenz der Seele ist die Notwendigkeit einer Annahme eines Empfinders (bhoktṛ). Die Objekte der Empfindung, Freude, Schmerz, usw. werden von jedem Wesen gefühlt (im buddhi). Diese Objekte aber können unmöglich gleichzeitig auch das Subjekt sein. Ein anerkannter Satz der Logik des Westens und Ostens erklärt es für eine Unmöglichkeit, dass einunddasselbe Ding
gleichzeitig Subjekt und Objekt sein kann (karma-kartṛ-virodha).

"Deshalb muß etwas, das nicht das Wesen von Freude usw. hat, dasjenige sein, auf welches
angenehm, resp. unangenehm eingewirkt wird; und dies ist die Seele"

Das Wesen der Seele

Die absolute an sich seiende (kevala) ist von der empirischen, zur Materie in Beziehung stehenden Seele (jīva) zu unterscheiden. Obwohl es im Grunde keinen Unterschied gibt, sondern nur den Unterschied innerhalb der unterscheidenden Erkenntnis und dem noch nicht
Erleuchteten.

Zum Wesen der Seele (svarūpa) wird gesagt: Die Seele ist Bewußtsein (cetana) oder stetiges Licht (prakāśa). In Übereinstimmung mit dem berühmten Ausspruch der Bṛhadāraṇyaka Upaniṣad (II.3. 6; III. 9.26.; IV. 2. 4; etc.) >> [Sie ist] nicht so, nicht so<<. Die Seele ist qualitätslos und attributslos (nirguṇa). Die Seele ist anfangslos (anādi) und endlos (ananta), sowie ewig (nitya) und ist somit unsterblich, weil sie auch niemals geboren wurde, sowie unzerstörbar. Die Seele ist teillos (nirbhāga) und allein aus diesem Grunde unvergänglich. Denn nur dasjenige, was aus Teilen besteht, ist der Vernichtung ausgesetzt.

Die Lehre der teillosigkeit steht in engem Zusammenhang mit ihrer Größe. Die Jainas sagen, die Seele sei so groß wie der Körper. Bei unseren Sāṃkhyins finden wir zweierlei Beschreibungen, entweder unendlich klein oder unendlich groß. Die vielleicht bekannteste Beschreibung finden wir in Vyāsas (Patañjalis) Yogabhāṣya I. 36, wo er Pañcaśikha zitiert:

„Wenn er dieses atomgroße (aṇu-mātra) Selbst erkannt hat, so ist er sich dessen bewußt, was es heißt >Ich bin<“

Vermehrt finden wir wie z.B. schon bei Īśvarakṛṣṇa die Seele als alldurchdringend, allgegenwärtig und unendlich groß (vibhu, vyāpaka, parama-mahat) und es gibt unendlich viele davon. Außerdem ist sie untätig (akartṛ) und unveränderlich (apariṇāmin). Sie ist unberührt (asaṅga) von Freude, Schmerz, und allen sonstigen Affektionen. Sie ist ihrem Wesen nach rein (śuddha), ewig frei (nitya-mukta), weder gelöst, noch gebunden. Man spricht von ātma-sukha "Freude der Seele". In ihrer Reinheit die höchste Wonne die ein Mensch genießen kann, im Zustande des reinsten sattva, kann sie sich selbst erkennen. Sie wird obwohl sie eine Art Substanz ist (dravya) als auch als immateriell bezeichnet (aguṇa).

Im Gegensatz zur Urmaterie ist die Seele unproduktiv (aprasava-dharmin) und besitzt nicht die Fähigkeit sich zu entfalten. In Kārikā 64 wird die Lehre nocheinmal abschließend zusammengefasst:

"So entsteht aus dem Studium der Prinzipien die abschließende, geläuterte, weil irrtumslose, absolute Erkenntnis: >Ich [d.h. das Selbst, die Seele] bin nicht; nichts ist mein; [das] ist nicht Ich<."

Die Vielheit der Seelen

Auszug aus Kārikā 18: "Die Vielheit der Seelen ergibt sich 1. aus der Verteilung von Geburt, Tod und Organen, 2. aus dem nicht leichzeitigen Wirken und 3. schon aus dem verschiedenen Zuständen der drei Guṇas."

Zu 1.) Geburt ist die Verbindung der Seele und des inneren Körpers mit einem groben Körper. Hierbei findet keine Veränderung der Seele statt. Tod ist das verlassen der angenommenen Dinge, aber nicht die Vernichtung des Selbstes. Die Verteilung von Geburt, Tod, und Organen bedeutet, dass jede Seele einen jeweils anderen Körper etc. annimmt oder verlässt. Wenn es nur eine Seele gäbe, dann müssten wenn einer stirbt, alle sterben und wenn einer Erlösung erlangt, alle Erlösung erlangen.

Zu 2.) Wenn es nur eine Seele gäbe, dann müsste sie überall gleichzeitig Tätigkeit. Da es aber verschiedene Handlungen gibt, nimmt man eine Vielzahl von Seelen an.

Zu 3.) Die Wohnstätten der Seelen, d.h. der Körper haben verschiedene Guṇa Konfigurationen die Götter viel Sattva, Menschen viel Rajas, Tiere viel Tamas. Dies wäre nicht möglich wenn es nur eine Seele geben würde, denn dann gäbe es keinen Unterschied.

Das Verhältnis der Seele zu den Organen und zum Leibe

Der Zusammenhang einer jeden Seele mit den Upādhis besteht in Form einer anfangslosen Kontinuität, die nur in den Perioden der Weltauflösung unterbrochen wird und bis zur Erreichung der unterscheidenden Erkenntnis währt. Daher ist die Seele der Herr (svāmin) und Leiter der Upādhis.Sie übt jedoch keinen aktiven Einfluss auf die Organe aus, sie ist willenlos und ihrem Wesen nach ewig unveränderlich.
Die Organe arbeiten aber für die Seele, ohne zu Wissen was sie tun und folgen dabei nur den Mechanismen der Materie. So gesehen ist die buddhi als Sitz des Willens und als Prinzip der Intelligenz und Unterscheidungskraft auch der eigentlich, wirkliche Leiter. Würde jedoch erst gar nich erzeugt werden können, gäbe es keine Seele. Es wird gelehrt, dass die Seele eine besondere Verbindung mit den Organen eingeht (samyoga-viśeṣa). Die Seele ist von Natur aus Licht und erleuchtet, bzw. durchglüht die inneren Organe, wie die Sonne wenn sie die Erde bescheint sich nicht verändert. Durch das ausstrahlende Licht der Seele, wird der ganze Organismus mit bewußtem Leben erfüllt. Eine wirkliche Verbindung der Seele mit den Organen und dem Leibe existiert eigentlich nicht. Sāṃkhyasūtra I. 55. drückt dies so aus: "Die Verbindung [der Seele] mit jender [d.h. der Materie] beruht auf der Nichtunterscheidung." Eine wirkliche empirische Seele existiert eigentlich nicht. Die Seele war in Wirklichkeit niemals gebunden und kann auch nie gebunden sein.

Das Verhältnis der Seele zum Handeln

Die Seele ist vollkommen untätig. Der Seele wird ihre Tätigkeit des Herrseins [nur] im uneigentlichen Sinne zugeschrieben, wie z.B. Sieg und Niederlage zwar von den Soldaten erbracht werden, dann aber dem König zugeschrieben, weil er die Folgen seines Siegens oder Verlierens, die Freude und den Schmerz empfindet und der Herr über jene Soldaten ist das wirklich Handelnde Prinzip ist ahaṃkāra. Wie kommt es dann aber, daß uns, bevor wir nicht den wahren Sachverhalt begriffen haben, die Seele als handlend erscheint?
Kārikā 20, in der die Quintessenz der ganzen Lehre beschlossen liegt, antwortet:

"Weil infolge der Verbindung mit der [Seele] der unbewusste innere Körper scheinbar bewußt, und ebenso die am Handeln unbeteiligte [Seele] scheinbar handelnd wird.<<

Anders ausgedrückt: Weil der unbewußte ahaṃkāra nur infolge des belebenden Lichtes wirkt, das die Seele auf ihn wirft, und weil es eine Funktion des ahaṃkāra ist, den Wahn zu erzeugen, daß unser Ich, unsere Seele das handelnde und leidende Subjekt sei.

Die Aufgabe der Seele in der Sāṃkhya-Yoga Philosophie

Kapilas Auffassung der Seele bezweckt die Beantwortung einer Frage, die vielleicht wissenschaftlich nie befriedigend beantwortet werden kann: wie entsteht und worauf beruht das Bewusstsein?

Der Prozess ist laut Sāṃkhyakārikā wiefolgt:

Das Prinzip der Intelligenz etc. (buddhi) empfängt die von der Außenwelt dargebotenen Objekte über die Sinne. Es nimmt die Form dieser Objekte an. Dies kann einen im inneren Organ ruhenden Eindruck zum keimen bringen und so die Erinnerung an ein früheres Erlebnis weckendie Bilder der Außenobjekte und der Erinnerung zusammen können abstrakte Schlußfolgerungen bewirken, Abneigung, Freude, Schmerz, Begierde und Leidenschaft etc. hervorrufen. Diese können den Willen anregen und zum Handeln anregen. All diese Prozesse sind Modifikationen des buddhi, welches in jedem Augenblick eine andere Form annimmt.

All diese verschiedenen inneren Alterationen (die all rein materiell sind) bekommen ihren scheibar geistigen Charakter durch das auf sie fallende Licht des Bewußtseins, der Seele. Weil buddhi auch nur ein Objekt ist, bedarf es eines Subjektes, die Wahrnehmungsfunktion eines Zeugen oder Zuschauers, die Gefühle und Affekte eines Genießers oder Empfinders. Die Seele bringt also den jeweiligen Zustand der inneren Organe dadurch ins Bewußtsein, daß sie "vermöge ihres bloßen Naheseins" ihr Licht auf sie wirft.

Welcher Art aber ist aber die Lichtartigkeit der Seele im Yoga?

Ein mit Worten nicht zu beschreibendes Merkmal. Sāṃkhyasūtra I. 146 lehrt, dass Licht nicht eine Eigenschaft der Seele sei, weil diese qualitätslos ist. Dieraus wird deutlich, dass die Sāṃkhya-Philosophie unter der Seele nicht eine wirklich leuchtende Substanz versteht, sondern daß sie sich nur eines Bildes bedient. Die Seele wird auch mit einem Spiegel verglichen , in dem sich die inneren Organe reflektieren. Das bewußte Erkennen, Empfinden, Wollen ist nichts anderes als der Reflex der betreffenden Buddhimodifikationen in der Seele. Einer solchen Reflexion braucht es auch zur Erkenntnis der Seele selbst, da es ohne Hilfe des Innenorgans nichts erkennen kann. Wie bei der Wahrnehmung der Außendingedie buddhi ein Bild der Objekte in sich aufnimmt, so nimmt es in diesem Falle unter Ausschließung alles anderen ein Bild der Seele in sich auf. Dies gescheiht wenn die Seelen sich so in buddhi wiederspiegelt. Dies geschieht nur, wenn alle anderen tattvas durch Meditation zur Ruhe gebracht werden!

Seele im Yoga

Von der Seele strömt eine Bewußtseinerzeugende Kraft aus, ohne daß die Seele selbst dabei irgendetwas wirkt oder leidet. Das bedeutet das auch all das empfundene Leid nur in der Form eines Relfexes in der Seele existiert. Die natürliche Schmerzlosigkeit der Seele wird durch diese Relfexion verdeckt. Die Seele bringt den im Körper befindlichen Schmerz nur zu Bewusstsein. Dies ist das eigentliche Weltübel, dessen Beseitigung die höchste Aufgabe menschlichen Strebens ist.

Zur Befreiung

Der Weg zur Befreiung wird durch tattvabhyāsa (Kārikā 64) hervorgerufen, das Meditieren über die tattvas. Grundvoraussetzung sind Gleichmut gegenüber den Sinnesobjekten und die daraus resultierende Entsagung, sowie Begabung und Anstrengung durch das Studium der Prinzipien und des Kausalzusammenhangs der unterscheidenden Erkenntnis. Die unterscheidende Erkenntnis führt dann zum vollkommenen Erlöschen des Leidens. Durch die fortschreitende meditative Praxis, so wie sie von Patañjali beschrieben wird, geschieht
eine umgekehrte Evolution (Involution). Der Körper und der kognitive Apparat ziehen sich zurück. Die saṃskāras lösen sich im Verstand auf. Der Verstand löst sich im Ego auf. Das Ego in Buddhi. Buddhi in der Urnatur.

Patañjali beschreibt hier die sukzessive Abfolge der Grade der Meditation vitarka, vicāra, ananda, asmīta. Mit dem Verlöschen des letzten vṛttis (mentale Fluktuation), dem letzten Hauch aktiver Materie. Die Reise im saṃsāra als gebundenes Wesen ist nun endgültig vorüber. Was genau im Zustand der Befreiung erfahren wird und was danach ist, darüber schweigen. Die Autoren oft heißt es dieser Zustand sei nicht in Worte zu fassen. In den theistischen Traditionen ist davon die Rede das dies erst der Anfang der Reise ist. Das Erlöste Selbst, das jetzt von prakṛti befreit ist und seine wahre Identität erkannt hat ist jetzt bereit in die göttliche Interaktion mit Īśvara zu treten. Die Handlung spielt nun in diversen Brahman Welten, jenseits von prakṛti. Die nicht-theistischen Pessimisten sagen, dass die Seele nun für immer in absoluter Bewußtlosigkeit verharrt und einfürallemal nicht mehr mit der Welt etc. interagiert. Wenn die Texte den Zustand der isolierten Seele beschreiben, so sagen sie, dass die Seele dann in sich selbst Ruhe (svastha). Eine Beschreibung von Yogavāsiṣṭa (Zitiert bei VJB zu Sūtra I. 146 und II. 34):

"So ungetrübt das Licht erscheinen würde, wenn alles Beleuchtete, d.h. Raum, Erde, Äther, nicht
existierte, derart ist der isolierte Zustand des Sehers, des reinen Selbstes, wenn die Dreiwelt, du und
ich, kurz [alles] Sichtbare Vergangen ist."

"Wie der Zustand eines Spiegels ist, in den lediglich kein Reflex fällt, weder von einer Bildsäule
noch von sonst etwas, - allein das Wesen [des Spiegels] an sich darstellend -,"

"So ist die Isolierung des Sehers, der ohne zu schauen verharrt, nachdem der Wirrwar der
Erscheinungen, ich, du, die Welt usw., geschwunden ist."