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Die Geschichte der Yoga Tradition - Eine Skizze von der Vergangenheit bis zur Gegenwart

Gepostet von Nils Jacob Liersch am 02.01.2019 - 22:04
Ashtanga Yoga Heidelberg Yoga History

Die genauen historischen Wurzeln des Yoga sind nicht wirklich bekannt, zumal es selbst in den frühesten historischen Aufzeichnungen ein recht verschiedenartiges Feld von Theorien und Praktiken gegeben hat. Gerald James Larson, einer der führenden Experten über Sāṁkhya-Yoga Philosophie, drückt es so aus:

“Yoga is as old or older than recorded history, its origins for the most part are lost in the antiquity old Central, Western, and South Asia” (2000:xiii).

Daher ist vor allem für die Frühzeit der Yogageschichte nur eine ungefähre Chronologie möglich, die letztlich auch nur eine hermeneutische Annährung sein kann und oft auf Schätzungen von Indologen und Historikern beruht. Außerdem sind Datierungen von Sanskrittexten so stabil wie Kartenhäuser und die Zeitangaben schwanken von Wissenschaftler zu Wissenschaftler um einige Jahrhunderte.

Wir haben uns jedoch am rezenten allgemeinen Konsens der westlichen indologischen Forschung orientiert, diese Daten hier zu präsentieren. Diese Darstellung beansprucht bei weitem keinen Anspruch auf Vollständigkeit und versucht sich in dieser kurzen Darstellung den wichtigsten Punkten in der Geschichte des Yoga anzunähren. Das Wort Yoga dessen Geschichte wir nun genauer betrachten wollen stammt von der Sanskrit Wurzel √ yuj (anjochen, verbinden).

Ab ca. 2600 - 1800 v. u. Z. entstand die sogenannte Industalkultur, eine der drei großen Wiegen der Menschheit. Hier gab es große Städte wie z.B. Harappa, Mohenjodaro oder Dholavira mit bis zu 30000 Einwohnern, die komplizierte Bewässerungssysteme hatten, bereits eine Schrift entwickelten und nachweislich Handel bis nach Mesopotamien führten.

Es gibt keine keine eindeutigen Hinweise auf die religiöse und spirituelle Welt der Industalbewohner. Es bleibt nur die Interpretation von Terracottafiguren, die auf Verehrung z.B. einer Fruchtbarkeitsgöttin hinweisen könnten. Dies ist jedoch ohne Weiteres spekulativ. Es wurden keine Tempelanlagen gefunden. Allerdings gibt es den Fund vom sog. Protośiva bzw. Paśupati. Zwar ist dies kein direkter Beweis, dass Yoga hier zur spirituellen Praxis der Indusbewohner gehörte, aber viele sind davon überzeugt, dass Protoshiva hier in der Haltung namens Mulabandhāsana sitzt. Eine sehr schwierige Haltung die auch für den Durchschnittsinder eine intensive und langjährige Āsana-Praxis vorraussetzt.

Ashtanga Yoga Heidelberg Protoshiva
Protoshiva Indussiegel (nicht größer als eine Briefmarke)

Ab ca. 1500 v. u. Z. kommt es zur Einwanderung der sog. Indo-Arier in die nördlichen Ebenen des Indus und Sarasvatī-Flusses (evtl. Abwanderung vom Oxus wg. klimatischen Veränderungen). Es gibt keine Hinweise für kriegerische Auseinandersetzungen mit den Indusbewohnern. In den ältesten vedischen Schriften, welche die Indoarier mit sich brachten (es sei hier angemerkt, dass es sich hier zunächst um mündliche Überlieferungen gehandelt haben muss) gab es weder Karma noch Wiedergeburt und auch finden wir in diesen Texten keine direkten Hinweise auf Yoga.

Im sogenannten Rigveda (Erste mündliche Sanskrit-Überlieferung) findet sich die religiöse Verehrung hinsichtlich Rita (Skt. Ṛta), Varuna, Mitra, Indra und den Naturkräften Ushsas, Agni und Surya.

Wichtig ist hier der Opferkult. Das wichtigste Opfer ist das Soma-Opfer.In Rigveda X 136 kommt es dann zur Erwähnung von den sog. keśins.

Keśins (zu dt. Langhaarige), sind langhaarige Asketen. Ihnen ist ein Lied gewidmet. Der Indologe Hauer bezeichnete die Keśins als alteurasische Wildekstatiker. Hier ist teilweise die Rede von berauschenden Tränken, die der Keśin zu sich nahm um in Kontakt mit den Göttern zu treten. Die Keśins könnten eine Art Proto-Yogi darstellen. Der Keśin ist in Ekstase geraten, weil er mit Rudra das sog. viṣam (bedeutet später Gift, dem Wortlaut her aber das „Lebensmächtige") aus dem Becher trank. Damit ist wohl ein begeisternder bzw. berauschender Trunk gemeint. Wobei es sich hier gehandelt hat ist aber nicht genau zu klären.

Diese Wildekstatiker waren im gesamten eurasischen Kulturraum verbreitet. So trinken gewisse Schamanen in Sibirien noch heute einen Sud aus Fliegenpilzen und auch heute noch benutzen Yogis der primitiveren Sorte Hanf, Opium, Stechapfel, Holzrose usw. Diese Überlegungen sollten mit einfließen, wenn über sehr frühe Formen der yogiähnlichen Menschen nachgedacht wird. Hier die Textstelle zu den Keśins, den vielleicht ersten Proto-Yogis, die in historischen Dokumenten zu bezeugen sind.

 

Übersetzung nach Hauer (1958, S.29)

„Der 'Langhaar' trägt das Feuer, trägt das Lebensmächtige,
Der 'Langhaar' trägt die beiden Welten.
Der 'Langhaar' ist der lichte Himmel, da zum Schauen.
Der 'Langhaar' wird, 'dies ewge Licht' genannt.
Der 'Langhaar' (muni) Sielen sind die Winde,
Sie kleiden sich in 'gelbem Schmutz',
Sie wandern auf des Vāta (Windes) Bahn.
Wenn von den Göttern sie besessen.
Die Winde haben wir verzückt bestiegen,
Ihr Sterblichen sehr unsre Leiber nur (sprechen die Verzückten).
Durch die Lüfte fliegt der Langhaar hin,
Schaut die Gestalten alle mit durchdringendem Blick.
Gotte um Gotte ist der Verzückte ein Genosse.
Ihr Freundschaft zugrtan zur Heiltat.
Vātas Roß ist er, Vāyus (des Sturms) Genosse.
Getrieben von den Göttern ist der Verzückte,
Die beiden Ozeane sind sein Wohnsitz im Osten und im Westen.
Auf der Schwanenjungfern Fährte schweift er,
Auf der Fährte der Lichtelben und der wilden Tiere.
Der 'Langhaar' ist ein Kenner der Erleuchtung (ketá v. Cit),
Ein süßer Freund (des Gottes) ganz und gar verzückt.
Vayu hat ihm den Trank gequirtlt,
Er quetschte ihm die Kunaṃnamā (die böse sich Krümmende),
Als der 'Langhaar' einst mit Rudra,
Zusammen aus dem Becher das 'Lebensmächtige' trank.“

 

Ashtanga Yoga Heidelberg Sadhu Yoga für Fortgeschrittene
Sadhu aus Varanasi.

Dieses Lied schildert anschaulich das Erleben jener „primitiven“ Verzückten, die im heiligen Rausch über alle Erdenschwere hinausgehoben zu kosmischer Weite gelangten. Den Göttern gleich wurden sie zu Sehern und erlangten Mächte und konnten so den Erdgebundenen Erkenntnis und Hilfe bringen. Die Götter Rudra und Vāyu selbst wurden Keśin genannt.

Ebenso finden wir das Wort muni, dass verwendet wurde um die wilde Verzückung und den Wildverzückten zu bezeichnen. Verzückung und Vergöttlichung sind die Gaben, die ihn über die gewöhnlichen Sterblichen hinausheben. Seherweisheit und Heilmacht machen ihn zum Wohltäter seiner Gemeinschaft, wenn er auch hin und wieder für verrückt gehalten wird.

Später in Upanishaden (ab ca. 800 v. u. Z.) ist das Wort muni dann ein Synonym für den begeisterten Weisen, den Erleuchtung Schauenden, für den in göttlicher Verschwiegenheit verweilenden Yogin. Später finder der Begriff auch Verwendung im Buddhismus als Titel Buddhas: Śākya (Adelsgeschlecht)-Muni.

Dann gibt es auch noch die spirituellen Heroen des vedischen Volkes, die Seher bzw. Rishis (Ṛṣis), diejenigen die die Wahrheit “erschauten”, die mit dem inneren Auge die verborgene Realität hinter der obskuren Leinwand aller manifesten Existenz wahrnahmen. Viele Seher waren Angehörige der Priesterklasse, doch waren auch einige den anderen Kasten. Sie gelten als die Verfasser der Veden. Die Weisheit dieser Dichter floss in die rhytmische Dichtung und die überaus symbolische Sprache der Veden.

Sie enthüllten dem gewöhnlichen, unerleuchteten Menschen die leuchtende Wirklichkeit jenseits aller spirituellen Dunkelheit. Sie zeigten den Pfad zu jenem ewigen Sein das einzig (eka) und ungeboren (aja) ist, doch viele Namen enthält. Sie sahen sich als Kinder des Lichts (Rigveda IX.38.5), und ihr ganzes Sinnen und Trachten war darauf gerichtet, das “himmlische Licht”, das letztendliche, höchste Licht-Wesen zu erreichen (Rigveda X.36.3) (Hauer, 1958 - S. 28-31). Dies ist sehr Nah an späterem yogischen Gedankengut, dass sich in den Upaniṣaden wiederfindet.

Etwa zwischen 800 - 600 v. u. Z. in der sog. spätvedischen Zeit verbreitet sich indoeuropäische Kultur der Arier im Gangesgebiet. In den ältesten Upaniṣaden geht es zunächst immer noch viel um das Opfer, dass sich aberlangsam immer mehr zu einem inneren Opfer hin entwickelt und in den Hintergrund gedrängt wird. Es geht um die verschiedenen Zusammenhänge zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos. Durch die richtige Opfertechnik im Mikrokosmos, versuchte man den Makrokosmos zu seinen Gunsten beeinflussen. In einem schleichenden Prozess diffundierten immer mehr die typisch yogischen Ideen in diese Textgattung hinein. Mittlerweile vermuten die meisten Indologen, dass Yoga, Karma, Wiedergeburt etc. nicht genuin brahmanischer Herkunft sind, sondern vielmehr, dass diese Lehren von den Brahmanen übernommen wurden. Vielleicht kamen diese Lehren, die so typisch für den Yoga sind, von den keśins, oder den sog. vrātyas (Bezeichnung für asketisch-lebende Gruppierungen außerhalb der vedischen Ordnung) oder so wie Bronkhorst es vermutet aus dem Umfeld der „unabhängigen“ Kultur rund um Magadha.

Die Yogalehren wurden damals im direkten Austausch zwischen Lehrer und Schüler vermittelt. In den Upanishaden wurde die Basis dessen erstmals verschriftlicht, was auch noch Jahrhunderte später die Philosophie und Religion Indiens bestimmen sollten: Die Lehre von Ātman und Brahman, Saṁsāra und Karma. Damit wurde auch der spätere Hinduismus grundlegend geprägt.

700 v. u. Z. finden sich erste Hinweise auf den Yoga in der Bṛhadāranyaka Upaniṣad und der Chandogya Upaniṣad. Hier gibt es bereits Praṇāyāma und Pratyāhāra als Hilfsmittel der Meditation (dhyāna). Der Begriff Yoga fällt in diesem Kontext jedoch noch nicht. 

Ab 700 v. u. Z. setzt vermutlich die Verehrung Vasudeva Kṛṣṇas ein, die wahrscheinlich schon Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. verbreitet war, was die Garuḍa-Säule von Heliodorus belegt. Viṣṇu selbst wurde bereits im Rigveda erwähnt und man findet ihn auch in der Chandogya-Upaniṣad. Es könnte davon ausgegangen werden, dass sich im 9. bis 6. Jahrhundert v. u. Z. eine monotheistische Theologie um ihn entwickelte. Rama und Kriṣṇa wurden als Inkarnationen Viṣṇus aufgefasst. Den Begriff Vaiṣnava (Vishnuit) verwendete man ungefähr ab dem 4./5. Jahrhundert für diese Bewegungen. Die Ursprünge dessen liegen aber sehr viel weiter zurück.

Wie wir z.B. in der Bhagavadgītā sehen können galt Kṛṣṇa nur als der Wiederhersteller der Yogalehren, die bereits seit uranfänglichen Zeiten auf der Erde kursierten. Diese legendäre Beschreibung dieses philosophisch-religiösen Textes wird natürlich von der Wissenschaft nicht sehr ernst genommen. Ein spannender Hinweis: Laut astronomischen Kalkulationen basierend auf Sternen und Planetenkonstellationen in der Bhagavadgītā wird Kṛṣṇas Geburt auf den 27. Juli 3112 v. u. Z. datiert. Dies würde den Krieg, der in der Gītā dargestellt wird, ebenfalls auf ein so frühes Datum festlegen, sollte dieser als historisches Ereignis betrachtet werden. Wenn dies der Wahrheit entspräche, würde es die gesamte Chronologie des alten Indiens über den Haufen werfen und die Geschichte des Hinduismus und des Yoga etc. müsste neu geschrieben werden. Ohne Weiteres bleibt dies aber spekulativ und ist mehr eine Glaubensfrage als ein wissenschaftlicher Fakt.

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Tanzender Kṛṣṇa von indischem Maler ca. 1660 n. u. Z.

Ca. 650 v. u. Z. lebte Mahavīra, der legendäre Gründer des Jainismus. Seine Lehre basiert großteils auf den Grundideen älterer Yogalehren, die von ihm modifiziert und weiterentwickelt wurden. Hier werden die gleiche Terminologie und die gleichen Versenkungstechniken verwendet.

500 v. u. Z. tritt der berühmte Buddha in die Welt. Seine Lehre fußt ebenfalls auf den Grundideen alter Yogalehren, die von ihm modifiziert und weiterentwickelt wurden. Arāḍa Kalāma war einer der wichtigsten Lehrer des Buddha und lehrte er ihn, wie in der Buddhacarita berichtet wird, das Sāṁkhya-Yoga System in einer Variante, die dem klassichen System des Kārikā-Sāṁkhya sehr nahe steht. Dies erklärt auch vielen Lehnworte und Ideen aus dem Yoga.

Ab ca. 400 v. u. Z. entstehen die sog. mittleren Upanishaden. Yoga wird mehrfach erwähnt und wird zum thematischen Dreh- und Angelpunkt. Erstmals in der Kaṭha Upaniṣad und dann in der Śvetāśvata Upaniṣad. Letzterer Text wird als der locus classicus des Sāṁkhya-Yoga bezeichnet. Der hier gelehrte Sāṁkhya-Yoga wird auf den Weisen namens Kapila zurückgeführt. Die Kaṭha-Upaniṣad ist aber die wahrscheinlich Ältere.

Ab ca. 300 v. u. Z. nimmt Yoga im Epos Mahābhārata einen bedeutenden Platz ein. In seiner heutigen Fassung wurde das große Nationalepos erst unter den Guptas (4. Jh. n. u. Z.) gebracht, basiert aber auf wesenlich älteren Überlieferungen.

Ca. 350-450 n. u. Z. entsteht das berühmte Pātanjalayogaśastra (Yogasūtra) von Patañjali mit 195 Aphorismen, die in vier 4 Kapitel aufgeteilt sind. Pātañjali systematisierte die zu seiner Zeit kursierenden Yoga-Lehren. Wann er lebte und ob er mit dem gleichnamigen berühmten Grammatiker Mediziner gleichgesetzt werden kann ist umstritten. Sein Text entwickelte sich zum philosophischen Standardwerk des Yoga. Für viele Yogis von heute ist dieser Text zu einer Art Yoga-Bibel geworden. Wahrscheinlich, weil die Lehre des Yoga hier am klarsten und wissenschaftlichsten formuliert wurde.

Ab ca. 200 v. u. Z. verbreiten sich die Sāṁkhya-Yogalehren der Upaniṣaden, des Epos und der Sūtras in die facettenreichen und vielschichtigen Traditionen, Philosophien, Gruppierungen und Schulen der „Hinduismen“ und Weisheitstraditionen des Westens und fernen Ostens.

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Moderne Darstellung des Kapila. Urvater des Sāṁkhya-Yoga.

Ab ca. 400 n. u. Z. setzt die großräumige Verbreitung des Śivaismus ein. Es entwickeln sich innerhalb dieses Sammelbegriffes verschiedenste Gruppierungen. Die Blütezeit des Śivaismus begann im 9. Jahrhundert und ab dem 10. Jahrhundert wurden noch heute bestehende Tempelanlagen in Südindien und Zentralindien angelegt. Die Hauptschulen des Śivaismus sind ab dem 10. Jahrhundert der Kaschmirische Shivaismus, Śaiva-Siddhānta, die Naṭha-Yogis und die Viraśaivas. Ebenfalls zu nennen wären die Kāpālikas (Totenschädelträger), Kālāmukha-Orden, Aghorīs, Lingāyatas etc. Die Blütezeit des Śivaismus dauerte bis zum 13. Jahrhundert. Im Zentrum vieler dieser Gruppierungen steht bhakti, die hingebungsvolle Verehrung Śivas. Jede Form hat ihre eigenen Spezifika, aber es lassen sich überall Parallelen zu den „klassischen“-Yoga Formulierungen finden. Hierbei wird oftmals eine non-dualistische Auslegung der Lehren bevorzugt (advaita). Aber es gibt auch dualistische Schulen, wie z.B. das Śaiva Siddhānta, welches insgesamt 36 anstatt der 25 tattvas (Konstituenten der Realität) des Pātañjala-Yoga lehrt.

Ab ca. 800 Jh. n. u. Z. verbreiten sich Viṣṇuismus und bhakti immer stärker. Die Viṣṇu-Samhitā lehrt einen sechsgliedrigen Yoga. Viele weitere Werke des Viṣṇuismus empfehlen Patañjalis achtgliedrigen Yoga. Yoga wird hier oft aus der nondualistischen Perspektive betrachtet und definiert: „Yoga ist die Vereinigung des individuellen Selbst mit dem transzendenten Selbst.“ Starke Betonung von bhakti spätestens seit den Ālvārs. Die Ālvārs sind eine Gruppe von 12 Meistern des bhakti-Yoga, deren Kompositionen im Nālāyira-Tvyap-Pirapantam gesammelt wurden. Das im 10. Jh. n. u. Z. verfasste Bhāgavata-Purāna lehrt diesen bhakti-Yoga. Im Zentrum des bhakti steht auch hier: Ist der Verstand durch intensiven bhakti-Yoga auf Mich fixiert, so wird er still und beständig. Dies ist der einzige Weg, die höchste Seligkeit in dieser Welt zu erlangen. (3.25.44). Unzählige andere Texte wurden zu dieser Zeit verfasst.

Ab ca. 9. Jh. n. u. Z. entsteht das berühmte Yoga-Vāsiṣṭha (YV) von Vālmiki. Dieses Werk beeinflusste die Yoga und Vedānta-Theorie und -Praxis erheblich. Rama Tirtha, ein Heiliger aus neuerer zeit, nannte das Yoga Vasiṣṭha:

„eines der größten Bücher und, aus meiner Sicht, das wunderbarste, das je unter der Sonne geschrieben wurde, und das neimand auf Erden lesen kann, ohne Gott-Bewusstsein zu erfahren.“

Die Philosophie des YV is radikal monistisch. Ihre oft wiederholte Grundthese: Es gibt nur Bewusstsein bzw. Geist (citta). Dieses Bewusstsein ist allgegenwärtig, allwissend und formlos. Die Erscheinungswelt ist nichts als eine Widerspiegelung dieses universellen Geistes. Ja, sie ist dieser Geist. Die Welt ist weder wirklich noch unwirklich. Sie existiert im Bewusstsein, doch scheint sie für den unerleuchteten Verstand außerhalb des selben zu sein. Auch Raum und Zeit sind Vorstellungen des Geistes. Nur wegen der spirituellen Ignoranz können (avidyā) können wir diese Wahrheit nicht sehen. Tritt der Yogin in den Zustand der Vereinigung, der Ekstase (samādhi) ein, so löst sich aller Raum auf und alle zeit steht still.

Ab ca. 800 – 1200 n.u. Z. enstehen die sog. Yoga-Upaniṣaden. Amṛitabindu-, Amṛitanāda-bindu-, Tejobindu-, Nādabindu- und Dhyānabindu-Upaniṣad. Diese empfehlen Mantren als Mittel der geistigen Konzentration, letztlich als Mittel der Transzendierung des Verstandes. Der Klang spielt auch in den Lehren der Haṁsa-, Brahma-, Vidyā-, Mahāvākya-, Pāśupatabrahma-Upaniṣad eine große Rolle. Diesen Texten folgten dann die Advaya-Tāraka- und die Maṇḍalabrāhmaṇa-Upaniṣad, die beide einen Yoga der Lichtphänomene erläutern. Dann kommt die ḱurze, aber überaus instruktive Kṣūrikā-Upaniṣad- , die die Essenz aller Yogatypen resümiert. Die abschließende Gruppe besteht aus jeden Upaniṣaden, die – generell sehr umfassend, machnmal textbuchmäßig – den Kuṇḍalinī-Yoga behandeln, nämlich die Yogakuṇḍalī-, Darśana-, Yoga-Śikhā-, Yogatattva, Yogacūdamani, Varāha-, Triśikhibrāhmaṇa- und Śāndilya-Upaniṣad.

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Aghori Baba.

Ab ca. 800 n. u. Z. kommt es zur Gründung von zahlreichen Sampradāyas (Klostergemeinschaften). Im Hinduismus gibt es nicht nur rituelle Traditionen, philosophisch-theologische Lehren, sondern auch verschiedene religiöse Traditionen die sampradāya oder panth genannt werden. Diese sampradāyas haben den Hinduismus maßgeblich geformt. Im archaischen Sinne bezeichnet der Begriff sampradāya lediglich die autoritative Weitergabe von Wissen. Wort abgeleitet von sam+pra+dā „etw. Übergeben“. Also Wissensweitergabe oder „Tradition die übergeben wird“. Wissen wird von einem śiṣṭa (Gelehrter), āpta (Vollendete Person, Experte) ācārya (Lehrer) oder guru (Lehrer) weitergegeben. Das Auftauchen, die Verbreitung und die Institutionalisierung dieser Gruppen sind mit einem Prozess des sozioökonomischen und kulturellen Wandels verbunden, der in Indien zwischen dem 5 Jh. v. u. Z. und dem 8. Jh. n. u. Z. stattgefunden hat. Vedischer Ritualismus und Brahmanismus wurden von neuen Ideen und religiösen Praktiken herausgefordert. Bei allen Formen spielt der Begriff und der Akt des „Entsagens“ eine zentrale Rolle. Derzeit war es die wahrscheinlich einzige Alternative zum Kastensystem. Trotz der Alternative zum vedischen Ritualismus, wurde die vedische Tradition auf die eine oder andere Weise trotzdem weitergeführt.

Die Geschichte des nicht archaischen Hinduismus ist gekennzeichnet durch die Ausbreitung und die Verbreitung dieser sampradāyas. Die meisten Gruppen rezipieren Formen und/oder Elemente des Yoga und finden ihre eigenen Formen des Ausdrucks dieses reichhaltigen, im indischen Denken mittlerweise fest verankerten, Erbes. Ein wesenhaftes Element der sampradāyas ist die enge Verbindung mit der erfolgreichen Institutionalisierung in maṭhas und Tempeln, unter der Schirmherrschaft einer Laiengemeinde, sowie Königen und reichen Händlern. Mārga ist die Bezeichnung für den spezifischen Weg zur Erreichung des Ziel einer dieser religiösen Gruppierungen (meistens mokṣa).

 

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Saint Kabir mit Namdeva, Raidas und Pipaji. Jaipur, frühes 19. Jahrhundert, National Museum New Delhi.

Ab ca. 1000 n. u. Z. formen sich die tantrischen Traditionen des Yoga. Dies sind erstmal Lehrschriften mit dazugehörigen Gruppierungen und Schulen, die den Śiva- und Viṣṇuverehrern sehr nahe stehen, jedoch oftmals primär dem weiblichen psychokosmischen Prinzip, also der Śakti gewidmet sind. Allerdings sind die Grenzen zwischen Śivaismus und dem Śaktismus fließend. Die ursprünglichen Tantras zeigen normalerweise Dialogform und nennen das Göttliche, nicht einen menschlichen Autor, als Verfasser. Die Hindu-Überleiferung führt 64-Tantras (wahrscheinlich aber mehr) an. Es gibt auch zahlreiche buddhistische Tantras, die vor allem im tibetischen Buddhismus eine Rolle spielen. Das darin enthaltene Themenfeld ist groß: Erschaffung der Welt, Geschichte der Welt, Namen und Funktion zahlreicher Gottheiten und höherer Wesen, die Arten ritueller Verehrung, allerlei yogische Praktiken, Magie, Zauber, Zukunftsvorhersage, esoterische „Physiologie“ (Beschaffenheit des fein- und grobstofflichen Körpers etc.), Erweckung der geheimnisvollen Schlangenkraft (kuṇḍalinī-śakti); Techniken der körperlichen und geistigen Reinigung, die Natur der Erleuchtung, heilige Sexualität uvm.

Ab ca. 800 – 1650 n. u. Z. enstehen die sog. Siddha-Bewegung und Haṭha-Yoga. Die Siddha-Bewegung spielte eine wichtige Rolle bei der pan-indischen Synthese von spirituellen Lehren des Hinduismus, Buddhismus und Jainismus, wie auch der yogischen Alchemie und volkstümlicher Magie. Hier geht es um das Streben nach körperlicher und geistiger Perfektion und das Erlangen von allen Arten paranormaler Kräfte. Der siddha ist ein spiritueller Alchemist, der am unreinen Stoff, nämlich dem menschlichen Körper -Verstand-Komplex arbeitet und diesen in reines Gold transmutiert – die unsterbliche geistige Essenz. Das für diese tantrische Tradition typische yogische Verfahren heißt kāya-sādhana z.dt. „Körper-Kultivierung“. Und das war die Wiege des Haṭha-Yoga. Die bedeutsamsten Schulen waren die Nāthas und Maheśvaras. Zu den wichtigsten Exponenten gehören Matsyendra und Gorakṣa. Die bekanntesten Werke dieser Zeit sind die Haṭhayogapradīpika und Gherandasamhita (1650). Diese sind aber nur zwei von vielen Werken die in diesem Umfeld entstanden sind.

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Fünf Siddhas auf dem Weg zum heiligen Berg Kailash.

Ab ca. 1500 n. u. Z. ensteht der Sikhismus. Die von Guru Nānak begründete religiös spirituelle Tradition. Tradition nimmt einige wichtige Yoga Praktiken auf.

1750 n. u. Z. ensteht das bekannte Mahānirvāna-Tantra und die Śiva-samhitā, eine der wichtigen Arbeiten zum Haṭha-Yoga. Wichtig ist hier der Name Bhāsararāya, die größte Śrī-Vidyā-Autorität. Er schrieb über 40 Werke; das wichtigste darunter ist Setubandha (ein extensiver Kommentar zum Yoginīhṛdaya-Tantra).

1760 n. u. Z. beginnt die britische Herrschaft in Indien.

1784 n. u. Z. setzt die moderne, wissenschaftliche indologische Forschung ein. Im späten 18. Jahrhundert mit der Gründung der Asiatic Society of Bengel (1784) in Kalkutta durch William Jones (1746–1794) beginnt der "Westen" damit, sich die alten Texte Indiens zu erschließen.

1823 n. u. Z. erlangte der deutsche Indologe Max Müller (1823–1900) weltweite Bekanntheit. Nach ihm sind heute noch einige Goethe-Institute in Indien benannt. Er war ein herausragend begabter Philologe und studierte außer dem klassischen auch das vedische Sanskrit. Im Jahr 1846 zog er nach England und publizierte dort erstmals den vollständigen Text des Rigveda – das älteste sprachliche Dokument des indischen Kulturraums – zusammen mit einem Kommentar des Sayana, eines bedeutenden indischen Gelehrten des 14. Jh. Weitere Werke wie eine Sanskrit-Literaturgeschichte folgten. Später schrieb er das 50-bändigen Sammelwerk "Sacred Books of the East", die er herausgab und zu denen er viele eigene Übersetzungen, wie etwa jene der wichtigsten Upaniṣaden beitrug. Sein letztes großes Werk "The Six Systems of Indian Philosophy" war die erste umfassende Darstellung aller philosophischen Systeme Indiens in einem Buch, worin unter anderem auch der Yoga eine große thematische Rolle einnimmt.

Von 1834-1886 n. u. Z. lebte Ramakṛṣṇa, einer der größten Mystiker Indiens im 19. Jahrhunderts.

Von 1862-1902 n. u. Z. lebte uns wirkte Swami Vivekananda, bedeutendster Schüler von Śri Ramakṛṣṇa und Gründer der Ramakrishna-Mission; eine Schlüsselfigur in der Verbreitung von Hinduismus und Yoga in Europa und Amerika.

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Swami Vivekananda 1890.

Von 1869-1948 n. u. Z. veränderte Mohandas Karamchand Gandhi das Leben aller Inder nachhaltig. Vertreter des Prinzips der Nicht-Leidzufügung (ahiṁsā) in allen Lebensbereichen, insbesondere in der Politik.

Von 1872 – 1950 n. u. Z. lebte Śri Aurobindo. Schöpfer des integralen Yoga.

1875 n. u. Z. war die formale Gründung der Theosophischen Gesellschaft, die seit 1872 ihr Hauptquartier in Adyar, Südindien, hatte. Dank der Bemühungen dieser Organisation wurden viele Sanskrittexte erstmals ins Englische übersetzt.

1879 - 1950 n. u. Z. Ramana Mahaṛṣi aus Tirucannamalai in Südindien, einer der bekanntesten Weisen des modernen Indien.

1888 – 1989 n. u. Z. lebte Sri Tirumalai Krishnamacharya. Er war Schlüsselfigur in der Verbreitung der modernen, dynamischen Vinyasa Yoga Systeme, die gegenwärtig im Westen am meisten praktiziert werden. Er war der Lehrer von Śri K. Patthabi Jois und B.K.S. Iyengar, die ebenfalls starken Einfluss auf den heutigen Yoga ausübten.

1918 – 2008 n. u. Z. lebte Maharishi Mahesh Yogi. Er entwickelte die Meditationstechnik, die unter dem Namen „transzendentale Meditation (TM)“ weltweit bekannt wurde. Weltweites Echo erfuhr er durch die Unterweisung der Beatles (ab 1968) in seinem Ashram in Rishikesh.

1887 – 1963 n. u. Z. lebte und wirkte Śivananda Saraswati (or Swami Śivanada). Er war ein spiritueller Lehrer des Yoga und Vedānta. Er gründete die „Divine Life Society“ (DLS) im Jahr 1936 und schrieb über 200 Bücher zum Thema Yoga und trug intensiv zur Popularisierung des Yoga im Westen bei.

Ab 1970 n. u. Z. ist Yoga ist ein globales Phänomen geworden.

 

Vielen Dank an Peter Herdin (https://www.facebook.com/asthangayoga.herdin/) der den entscheidenden Anstoß gab diesen Artikel zu verfassen.

Zum Autor: © Nils Jacob Liersch (M.A. Religionswissenschaft und klassische Indologie, Yogalehrer, Musiker, Ökoaktivist @ Linaria e.V. and ecobasa e.V.). Email: nilsliersch@web.de; Web: http://patanjala­-yoga.org