SPACE

SPACE

SPACE

Die mystischen Einsichten des Sāṃkhya-Yoga

Gepostet von Nils Jacob Liersch am 06.01.2019 - 00:58
Rshabhas Enlightenment

Sāṃkhya ist älteste uns bekannte philosophische System, welches sich in Indien formte. Es durchdrang alle nachfolgenden religiös-spirituellen Traditionen Indiens. So z.B. Vedānta, die purāṇische, die viṣṇuitische, die śivaitische, die tāntrische, wie auch die medizinische Tradition des Āyurveda und vor allem Yoga (Larson 1999:732). Ein Grundverständnis der metaphysischen Kategorien und Prämissen des Sāṃkhya-Aspektes im Yoga ist unumgänglich für das Verständnis der Ideen und Ziele, die in den Texten des Pātañjala-Yoga (Bezeichnugn für Ashtanga Yoga nach Pātañjali) formuliert werden. Denn Sāṃkhya bildet die metaphysische Infrastruktur des Sāṁkhya-Yoga.

Sāṁkhya bedeutung "Zählung," oder "Aufzählung" (Williams 2002: 1199).  Sāṁkhya ist eine philosophische Methode, welche die insgesamt 25 Bestandteile der Realität aufzählt. Das bekannteste Werk des Sāṁkhya ist die Sāṁkhyakārikā (SK) des Īśvarakṛṣṇa (Link führt zur Übersetzung von Richard Garbe 1892). Die SK enstand in etwa 400 n. u. Z. und gilt als das Hauptlehrwerk des sog. „klassischen Saṁkhya“.

Die Welt besteht im Grunde aus nur zwei Dingen - Die Dualität des Sāṃkhya-Yoga

Samkhya Yoga Heidelberg Tabelle
Die 25 Bestandteile der Welt.

Im System des Sāṁkhya wird das Universum letztendlich als ein Produkt von zwei vollkommen unterschiedlichen Grundprinzipien aufgefasst. Dies wäre zum einen prakṛti, das Prinzip der Materialität. Zum anderen puruṣa, das Prinzip des Bewusstseins (SK 3,11). Bewusstsein und Materialität bestehen aus sich selbst heraus, ohne Anfang. Durch die bloße Existenz der Beiden entstehen in einem Emanationsprozess die 23 anderen Komponenten des Universums. Hieraus ergeben sich insgesamt 25 Hauptbestandteile der gesamten Realität.

Prakṛti, die Materialität umfaßt auch alle psychischen Prozesse, d.h. den Intellekt (buddhi), das Ich-Bewusstsein (ahaṁkāra) und den Verstand (manas). Eine Vorstellung, die wir auch in der modernen Neurowissenschaft paradigmatisch vorfinden. 

Puruṣa ist das reine Bewusstsein, welches als eine grundsätzlich von aller Materialität zu unterscheidende, omnipräsente Instanz sich vorgestellt wird  (SK 3,11).

Puruṣa ist reines bewußtes Sein, reine bezeugende, sehende Kraft, absolutes Subjekt. Es tut nichts anderes als die sich stetig im Wandel und Transformation befindliche Materie Welt zu beobachten. Es wird als die Essenz, ähnlich der christlichen Vorstellung der Seele, des Menschen betrachtetet. Es heißt, dass es unendliche viele "Einzelseelen" gibt, die auffälligerweise entweder als unendlich groß, oder unendlich klein vorgestellt werden. 

Die Materialität hingegen, besteht selbst aus drei konstiuierenden Grundeigenschaften oder dynamischen Strängen (skt. "guṇa"), die immer und überall nur gleichzeitig existieren können. Aus ihrem Zusammenspiel und Wirken und zahlreichen Permutationen entfaltet sich Schicht für Schicht das Universum. Dies mitsehr feinstofflichen Komponenten und entwickelt sich zu den immer grobstofflicheren Bestandteilen. 

Eine Gemeinsamkeit, die Bewusstsein und Materialität haben, ist ihre Ewigkeit. Im Gegensatz zur Materialität ist das Bewusstsein jedoch untätig und reiner Zeuge, bzw. Beobachter aller materiellen Elemente und Prozessen der Realität (SK 19, 20).

Die Ursachen existieren im Effekt

Das Sāṁkhyasystem wird im indischen Denken als satkārya klassifiziert. Das bedeutet, dass die Ursachen der Welt in ihrem Effekt vorhanden sind. Grobe Materie ist eigentlich ein Derivat von subtileren, feinstofflicheren Elementen. Diese wiederum von etwas noch feinstofflicherem, dem Ego (Skt. ahaṃkara). Dies ist wiederum ein Derivat von buddhi, dem Intellekt, bzw. der reinen Intelligenz. Die buddhi gilt als die feinste materielle Schichte des Universums. Sie ist allumfassend und sehr subtil. Es herrscht die Vorstellung, dass nicht nur Lebewesen, wie dem Menschen, eine intelligente Struktur auf feinstofflicher Ebene zugrunde liegen, sondern auch auf universeller Ebene, die Materialität von einer intelligenten Grundordnung durchdrungen ist. Buddhi ist diese intelligente, lebenserschaffende Grundordnung der auf dem der Rest der Materie basiert.

Die Interaktion von Bewusstsein und Materie bewirkt somit eine stufenweise Entwicklung des materiellen Universums, deren Auslöser das Zusammenspiel der drei kosmischen Grundprozesse der Materialität sind. Diese werden als sattva (dt. "Luziditätsprozess"), rajas (dt."Energetisierungsprozess") und tamas (dt. Objektivierungsprozess) bezeichnet.  Alles, was aus der materiellen Realität besteht, ist aus einer spezifischen Permutation dieser drei zusammengesetzt. Laut der SK liegt es in ihrer Wesensart, Verbindungen mit jeweils den beiden anderen einzugehen und nach einem Übergewicht zu streben. So verändert sich stetig ihr Verhältnis, wodurch der Entfaltungsprozess der mannigfaltigen materiellen Welt in Gang gesetzt wird. Ihr Ungleichgewicht ist der Antrieb der Veränderungen in der Welt. Er verursacht somit ihre ständig wechselnde Erscheinung. Die sind demzufolge dasjenige, was das Weltgeschehen in Gang setzt und hält (SK 15-16).

Die drei Grundeigenschaften im Sāṃkhya-Yoga

Für den Sāṃkhya-Yoga sind die drei guṇas, vor allem hinsichtlich ihrer psychologischen Manifestation und dem meditativen Fokus des Textes wichtig. Der Geist (Unterscheidungsvermögen, Identifikationsvermögen, und das Denkvermögen, kurz Skt. citta) und alle psychologischen Dispositionen werden der Materialiät zugeordnet und bestehen aus den guṇas. Entsprechend der Mischung und Proportionalität der guṇas, haben Lebewesen verschiedene mentale Konfigurationen und psychologische Dispositionen (Bryant 2005: xlviii).

Wenn in einem individuellen Lebewesen ein Übergewicht von sattva vorherrscht, manifestiert sich in diesem die Qualität von Klarheit, Ruhe, Weisheit, Unterscheidungsfähigkeit, Losgelöstheit, Glücklichkeit und Friedlichkeit. Wenn rajas dominiert, manifestiert sich Verlangen, Anhaftung, Leidenschaft, Rastlosigkeit, Kraft und kreative Aktivität. Ist tamas die vorherrschende Eigenschaft, manifestiert sich Stille, Unwissenheit, Täuschung, Desinteresse, Teilnahmslosigkeit, Schlaf und Abneigung gegen Aktivität (Friedrich1997: 56-59).

Verfasst von Nils Jacob Liersch 2014.

Literaturverzeichnis

Baba, Bangali (1976). Yogasūtra Of Patañjali With The Commentary Of Vyāsa. Dehli:
Motilal Banarsidass Publishers


Bronkhorst, J. (1985). Patañjali and the Yoga Sūtras, Studien zur Indologie und Iranistik. 10: 191-
212.


Bronkhorst, J. (2005). The Reliability of Tradition, Boundaries, Dynamics and Construction of
Traditions in South Asia. F. Squarcini. Firenze, Dehli: Firenze University Press and Munshiram
Manoharlal. 63-76.


Bryant Edwin F. (2005). The Yoga Sūtras Of Patañjali – A New Edition, Translation, and
Commentary. New York: North Point Press.


Dasgupta, Surendranath (1924). Yoga – As Philosophy and Religion. Dehli: Motilal
Banarsidass.


Flood, Gavin (1996). An Introduction to Hinduism. Cambridge: Cambridge University
Press. S. 28-29.


Friedrich, Elvira (1997). Yoga – Der indische Erlösungsweg – Das klassische System und seine
Hintergründe. München: Eugen Diederichs Verlag.


Glasenapp, Helmut von (1949). Die Philosophie der Inder – Eine Einführung in ihre
Geschichte. Stuttgart: Kröner.


Grinshpon, Y. (2002). Silcence Unheard: Deathly otherness in Patanjala-yoga. Albany: State
University of New York Press.


Jacobsen, Knut A. (2005). Theory and Practice of Yoga – Essays in Honour of Gerald
James Larson. Boston: Brill Verlag.


Larson, Gerald James / Bhattacharya, Ram Shankar (2008). Encyclopedia of Indian
Philosophies.Volume XII. Yoga : India's Philosophy of Meidtation.1. Aufl. Dehli: Motilal
Banarsidass Publishers.


Larson, Gerald James (1999). „Classical Yoga as Neo-Sā ṇ khya: A Chapter in the History of Indian
Philosophy“. Asiatische Studien Ètudes Asiatiques LII.3. Dehli: Motilal Banarsidass. 723-732.


Leggett, Trevor (1990). The Complete Commentary by Śa ṅ kara on the Yoga Sūtra-s – A
Full Translation of the Newly Discovered Text. London: Kegan Paul International
Publishers Private Limited. S.159-162.


Gonzáles-Reimann, Luis (2002). The Mahābhārata and the Yugas – India's Great Epic Poem and
the Hindu System of World Ages. New York: Peter Lang.


Maas, Philipp André (2006). Samādhipāda: das erste Kapitel des Pātañjalayogaśāstra zum ersten
Mal kritisch ediert. (Geisteskultur Indiens; 9). Aachen: Shaker.


Mahadeva Sastri, A. (2008). The Vedanta Doctrine of Sri Sankaracarya – English Translation with
Explanatory Comments on Dakshinamurti-Stotra with Sri Suresvaracharya's Manasollasa Sri


Surevaracharya's Pranava Vartika and Dakshinamurti Upanishad -. Dehli: Sri Satguru
Publications.


Michaels, Axel (1998). Der Hinduismus. München: C.H.Beck.


Mircea, Elliade (1960). Yoga. Unsterblichkeit und Freiheit.Zürich/Stuttgart: Rascher Verlag,
S. 83-86.


Mylius, Klaus (2005): Sanskrit - Deutsch, Deutsch – Sanskrit Wörterbuch. 3. Aufl.
Wiesbaden: Harrasowitz Verlag.


Oberlies, Thomas (2008). Der Hinduismus. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch
Verlag. S.66-67.


Osada, Toshiki (2006). „Indus Civilization – Text and Context“. Dehli: Manohar Publishers and
Distributors.


Pflueger, Lloyd W. (2005). „Person, Purity, and Power in the Yogasūtra“, Lloyd W. Pflueger (ed.).
Theory and Practice of Yoga – Essays in Honour of Gerald James Larson. Boston: Brill Verlag.
S.29-59.


Ramamurty, A. (1996). Advaita – a conceptual analysis -. Dehli: D.K. Printworld (P) Ltd.


Rukmani, T.S. (2001). Yogasutrabhā ṣ yavivara ṇ a of Śa ṇ kara – Vivara ṇ a texyt with English
translation, and critical notes alongwith text and English translation of Patañjali's Yogasūtras and
Vyāsabhā ṣ ya -. Dehli: Munshiram Manoharlal Publishers.


Sarbacker, S.R. (2005). Samādhi: Numinous and Cessative in Indo-Tibetan Yoga. Albany: State
University of New York Press.


Singh, Balbir (1976). The Conceptual Framework of Indian Philosophy. Meerut: Prabhat
Press. S.60-81.


Singleton, Mark (2008). „The Classical Reveries of Modern Yoga: Patañjali and
Constructive Orientalism“, Mark Singleton (ed.). Yoga in the Modern World: Contemporary
Perspectives. (Routledge Hindu studies series). London [u.a.]: Routledge. S. 100-116.


Sjoman, N.E. (1996). The Yoga Tradition of the Mysore Palace. New Dehli: Abhinav Publications.


Slaje, Walter (2009). Upanischaden – Arkanum des Veda. Frankfurt am Main: Verlag der
Weltreligionen.


Speyer, J.S. (1914). Die indische Theosophie. Leipzig: H.Haesselverlag, S.242-244.


Weiss, Hartmut (1986). Quellen des Yoga. Bern [u.a.]: Otto Wilhelm Barth Verlag.


Werner, Karl (1986) „The Longhaired Sage of RV 10,136: A Shaman, a Mystik or a Yogi?“. The
Yogi and the Mystic. London: Curzon.


Williams, Monier (2002). A Sanskrit-English Dictionary. Dehli: Motilal Banarsidass Publishers.
Woods, James Haughton (1914). The Yoga-System Of Patañjali – Or the Ancient Hindu
Doctrine of Concentration of Mind. Cambride, Massachusetts: The Harvard University
Press.


Wright, Rita P. (2010). „The Ancient Indus – Urbanism, Economy, and Society“. New York:
Cambridge University Press.