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Mit Yoga in nur 6 Monaten zur Erleuchtung?

Gepostet von Nils Jacob Liersch am 05.01.2019 - 23:37
mahabaharata

Ich bin auf eine spannende Stelle im Mahābhārata gestoßen, dem großen indischen Nationalepos. Es handelt sich um Buch 12, Kapitel 240. Hier heißt es unter anderem, dass bereits sechs Monate intensiver Yogapraxis zur Erleuchtung führen können. Das ist ziemlich kurz wie ich finde und besonders spannend. Daher möchte ich diese Textstelle mit euch teilen.

Kapitel 240 - Über die Yoga Praxis

"Vyasa sprach: Oh bester Sohn, nun habe ich aufrichtig alles gesagt, was die Antwort auf deine Frage gemäß der Sankhya Theorie sein sollte. Nun höre, wie ich auch die Praxis des Yoga dazu erkläre. Die Einheit von Vernunft, Denken und allen Sinnen mit dem alldurchdringenden Selbst gilt als Höchste Erkenntnis. Diese Erkenntnis sollte in der Stille gesucht werden, indem man die Sinne zügelt, die innere Sicht auf das Selbst richtet, durch Güte, Wahrheit und Reinheit. Dabei sollte man sich zuerst bemühen, die fünf Hindernisse auf dem Yoga Weg zu überwinden, die als Begierde, Zorn, Sinneslust, Angst und Trägheit dem Weisen wohlbekannt sind. Der Zorn wird durch Gelassenheit überwunden, die Begierde und Sinneslust durch Entsagung und die Trägheit durch Betrachtung des Sattwa (Güte und Licht).

Das Geschlechtsorgan und den Magen zügele man durch Entschlossenheit, die Hände und Füße durch die Augen (bzw. Achtsamkeit), die Augen und Ohren durch das Denken und das Denken und Reden durch den Yoga. Man sollte Angst durch Besonnenheit und Stolz durch Demut vertreiben. Entschlossen sollte man durch diese Mittel die genannten Hindernisse auf dem Yoga Weg überwinden. Man sollte das Feuer und die Brahmanen verehren und sein Haupt vor den Göttern beugen. Man sollte alle Arten der unheilsamen Rede, jegliches Geschwätz und alle Worte aufgeben, die andere verletzen könnten. Brahma ist sowohl der Samen von allem als auch die reine Essenz, die in diesem Samen liegt. Indem Brahma sein Auge öffnete, wurde er zum Universum, in welchem die vielfältigen Wesen ihre Geburt nahmen. Meditation, Studium, Hingabe, Wahrhaftigkeit, Bescheidenheit, Einfachheit, Vergebung, Reinigung von Körper, Rede und Geist sowie Sinneszügelung fördern diese reine Brahmakraft und vernichten angesammelte Sünden. Wer gelassen mit allen Wesen verweilt und mit dem zufrieden ist, was ihm zufällt, der erfüllt all seine Wünsche und kann höchste Erkenntnis erreichen.

Gereinigt von Sünde, voll wahrhafter Kraft, enthaltsam in der Ernährung und die Sinne unter Kontrolle - so sollte man die Begierde und den Haß überwinden, um das Brahman zu finden. So möge man Sinne und Denken zügeln, den Blick von den äußeren Dingen nach innen wenden und während der stillen Stunden der Abend- und Morgendämmerung seinen Geist auf die Erkenntnis richten. Wenn nur einer der fünf Sinne im Menschen unbeherrscht bleibt, wird man sehen, wie sich seine ganze Weisheit dahindurch verflüchtigt, wie Wasser durch ein Loch im Behälter. Doch vor allem sollte der Yogi mit Achtsamkeit und Geduld die Gedanken einfangen wie der Fischer seine Fische im Netz. Wenn die Gedanken beherrscht werden, kann man auch Ohren, Augen, Zunge und Nase zügeln. Sie beruhigen sich zusammen mit dem Denken, wenn es von allen geistigen Bildern und Wünschen zurückgezogen im Selbst gesammelt ist. So bindet man die Sinne durch das Denken und beruhigt sie zusammen mit dem Denken im Selbst. Wenn diese fünf Sinne mit dem Denken als sechstes zur Ruhe kommen, und diese Stille beständig ist, dann wird das Brahman von allein sichtbar wie ein rauchloses Feuer oder die wolkenlose Sonne. Wahrlich, zuerst erkennt man sich selbst im Selbst wie einen Blitz am Himmel. Danach sieht man auch alles andere im Selbst und das Selbst in allem, weil es alles durchdringt.

Jene hochbeseelten Zweifachgeborenen, die mit Weisheit gesegnet wurden, voller Standhaftigkeit und hohem Wissen sind und zum Wohle aller Wesen handeln, können es erkennen. Der Yogi, der sich auf diese Weise beständig übt und in der Einsamkeit verweilt, wird zur rechten Zeit die Einheit mit dem Unvergänglichen erreichen. Auf diesem Weg wird viel Ungewöhnliches erscheinen, wie Bewußtseinserweiterung und Hellsicht, übernatürliche Mächte, himmlische Düfte, Klänge und Bilder, besondere Gefühle, die Macht des Windes, Genialität, tiefgründiges Verständnis und endlose Erinnerungen bis zu himmlischer Gesellschaft. Das alles kann der Yogi auf dem Yoga Weg erfahren, aber sollte daran nicht anhaften und diese Erscheinungen im Licht der Erkenntnis auflösen.

So sollte er schweigend mit gezügelten Sinnen den Yoga während der Abend- und Morgendämmerung in der Einsamkeit auf einem Bergesgipfel, an geheiligter Stätte oder am Fuß eines großen Baumes üben. Alle Sinne und das Denken im Innersten gesammelt, sollte er sich auf des Ewige und Unvergängliche konzentrieren und das Denken nicht in die Welt abwandern lassen. Man sollte voller Hingabe und Achtsamkeit mit allen Mitteln vor allem das Denken zügeln, das äußerst ruhelos ist. Hier ist größte Geduld und Beständigkeit gefragt. Dazu laden einsame Berghöhlen ein, stille Göttertempel, leere Häuser oder Räume, wo der Yogi mit gesammelten Sinnen und Gedanken verweilen kann.

Er sollte jegliche Selbstidentifikation in Worten, Taten und Gedanken auflösen. Ohne Anhaftung und enthaltsam in der Ernährung sollte er gleichmütig verweilen, ohne etwas erreichen zu wollen. Lob und Tadel, Gewinn oder Verlust sei ihm einerlei. Ohne Euphorie im Sieg und ohne Angst im Mißerfolg frage er nicht nach Angenehm und Unangenehm. Wie der Wind verhalte er sich zu allen Wesen gleich, ohne Heimat und Anhänglichkeit. Wer sich so nach innen wendet, ein Leben der Reinigung führt und mit dem Auge der Einsicht alles durchschaut, wer diesen Yoga sechs Monde beständig übt, dem wird das Brahmawort lebendig. Angesichts der Angst, welche die Menschen quält (wegen ihrer Begierde nach Reichtum und Bequemlichkeit), sollte der Yogi die hohe Erkenntnis gewinnen, die einen Klumpen Erde und einen Klumpen Gold als gleichwertig durchschaut, und auf diesem Weg jegliche Verwirrung durch Anhaftung und Abneigung überwinden.

Jede Person, unabhängig von Kaste oder Geschlecht, kann auf diesem Weg das Höchste erreichen. Wer die Gedanken überwunden und gestillt hat, der erkennt in sich selbst mithilfe der Selbsterkenntnis das ungeschaffene, uralte, unvergängliche und ewige Brahman, kleiner als das Kleinste und größer als das Größte, welches nur in der zeitlosen Stille zu finden ist, wo alle Sinne schweigen. Das ist Erlösung. Wahrlich, der Weise, der diese Worte der hochbeseelten Rishis hört und ihre Bedeutung tiefgründig meditiert, kann die Einheit mit dem Brahman finden und über alle Erscheinungen der Welt hinausgehen."

Die Übersetzung stammt aus folgender Quelle: http://www.mahabharata.pushpak.de/buch12/mahabharata_b12k240.html