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Wurde Yoga bereits vor 5000 Jahren in der Industalzivilisation praktiziert? Sitzt Protoshiva in Mūlabandhāsana?

Gepostet von Nils Jacob Liersch am 05.01.2019 - 22:41
Proto Shiva Siegel Industal Zivilisation

Yoga in der Induskultur?

Wurden Formen des Yoga bereits vor ca. 5000 Jahren in der Industalkultur praktiziert? Dieser Frage widmet sich der folgende Blogartikel. Die Industalkultur gilt als eine der wohl bedeutsamsten Entdeckungen des 20. Jahrhunderts für Wissenschaft und Weltöffentlichkeit. Seit 1924 zählt sie, neben Mesopotamien und Ägypten, zu den drei großen Wiegen der menschlichen Zivilisation. Die Industalkultur entwickelte sich entlang des Indus im Nordwesten des indischen Subkontinents. Die Industalzivilisation erstreckte sich über fast das gesamte heutige Pakistan, sowie Teile Indiens und Afghanistans. Von dem Augenblick der Entdeckung des ersten Fundorts namens Harappa durch Charles Masson, Ende des 19. Jahrhunderts, wurden bis heute mehr als 1500 verschiedene Fundorte im heutigen Pakistan, Indien und Afghanistan entdeckt, von denen bisher allerdings nur ein geringer Prozentsatz durch Ausgrabungen freigelegt wurde (Osada 2006: 9).

Von dem ersten Fundort der Industalkultur namens Harappa, leitet sich auch das terminologische Synonym zur Industalkultur, die sog. „Harappakultur“, ab. Mit einer Fläche von ca. 1,2 Millionen km2 hatte die Harappakultur die vergleichsweise größte Ausbreitung der drei großen Zivilisationen und konnte in ihrer Blütephase zwischen 2600 und 1900 v. u. Z. (Wright 2010: 22) vermutlich ca. fünf Millionen Menschen beherbergen (Osada 2006: 7).

Die maßgeblichen zivilisatorischen Merkmale waren sowohl die ältesten teilweise geplanten Städte und urbanen Gebiete Südasiens. Es gab sechs große Zentren: Rakhigarhi, Kalibangan, Dholavira in Indien, sowie Harappa, Ganweriwala und Mohenjo-Daro in Pakistan. Es existierten bereits ausgeklügelte Agrarwirtschaft mit Bewässerungssystemen, ausgeprägten Handelsnetzwerke. Es gab sogar einheitliche Maßeinheiten und einem Schriftsystem. Es ist bis heute umstritten und Brennpunkt zahlreicher Kontroversen, ob es sich bei den gefundenen Zeichen überhaupt um eine Schrift handelt. Die Schriftzeichen befinden sich auf winzigen Siegeln. Sie sind nicht größer als eine Briefmarke. Diese konnten bis dato noch von niemandem entziffert werden.

indus valley map
Karte der Indus-Kultur in ihrer maximalen
Ausdehnung in der Blütephase zwischen
2600 und 1900 v. u. Z.

Doch gab es schon Formen von Yoga im Indus?

Die Frage nach der religiösen Kultur der Industalkultur ist immer noch einer der komplexesten und am wenigsten verstandenen Aspekte der Forschung. Zwar bieten die als religiös interpretierbaren Fundstücke einen weit gefächerten Interpretationsspielraum, die zusammen mit  historischer und geographischer Verortung zumindest Anhaltspunkte offerieren, jedoch fehlen die religiösen Schriften und die eindeutigen Überlieferungen. Was der Forschung bleibt, ist die teilweise hochspekulative Interpretation von Figuren, Masken und Abbildungen auf Tafeln oder Siegeln, deren Inschriften noch nicht entziffert worden sind. Der Rosettastein des Industals ist noch nicht geborgen worden. Solch ein Fund könnte diesem schon fast 100 Jahre andauernden Rätsel endlich die Lösung entlocken. Es gestaltet sich somit sehr schwierig, plausible Modelle der religiösen Ideologie zu rekonstruieren.

Jedoch scheint immer mehr dafür zu sprechen, dass wichtige und zentrale religiöse Elemente, die sich heute im indischen bzw. südasiatischen Kulturraum vorhanden sind, bereits zu Zeiten der Induskultur herausgebildet haben. An einem besonders berühmten Fund scheiden sich die Geister. Und zwar an diesem hier.

 

 

 

proto shiva indus
Eines der berühmten Proto-Śiva Siegel.

Das Protośiva-Siegel - Beweist es Yoga in der Industalkultur?

Dieses Siegel, dessen Größe in etwa der einer Breifmarke entspricht, zeigt den sog. Protośiva. Die Darstellung bildet eine Wesenheit/Gottheit/Kreatur in einer sitzenden Position ab, die an eine Yoga-Sitzhaltung (Āsana) erinnert. Wenn dies tatsächtlich Śiva zeigen sollte, der in einer tatsächlich mit Yoga in Verbindung stehenden Sitzhaltung gezeigt wird, würde dies den Ursprung des Yoga, der damit zusammenhängenden Philosophie und Praxis von ca. der Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr., um mehr als ein Jahrtausend nach hinten zu verschieben.

Die indische Tradition über das Alter des Yoga

Die indische Tradition selbst, behauptet, dass Yoga bereits seit Angebinn der Schöpfung praktiziert wird. So heißt es in der berühmten Bhagavadgītā (ca. 200 v. Chr.?), dass selbst der berühmte Mensch-Gott Kṛṣṇa nur als der Wiederhersteller der Yogalehren galt, die bereits seit uranfänglichen Zeiten auf der Erde kursierten. Diese legendäre Beschreibung dieses philosophisch-religiösen Textes wird natürlich von der Wissenschaft nicht sehr ernst genommen. Ein spannender Hinweis: Laut astronomischen Kalkulationen basierend auf Sternen und Planetenkonstellationen in der Bhagavadgītā wird Kṛṣṇas Geburt auf den 27. Juli 3112 v. u. Z. datiert. Dies würde den Krieg, der in der Gītā dargestellt wird, ebenfalls auf ein so frühes Datum festlegen, sollte dieser als historisches Ereignis betrachtet werden.

Persönliche Spekulation

Wenn ich persönlich die Sitzhaltung, die der besagte Protośiva einnimmt identifizieren sollte, dann würde ich auf Mūlabandhāsana tippen. Eine Sitzhaltung, die selbst der durchschnittliche Inder (welche ja durchschnittlich wesentlich flexibler sind als Menschen des Westens), nur nach langjähriger Yoga-Āsana Praxis einnehmen kann. Wie glaubwürdig ist eine einheimische Tratition? Kann es sein, dass wir manche Dinge und Legenden in der westlichen Wissenschaft zu skeptisch betrachten? Ist es eine romantische Prokjektion das Alter des Yoga in so eine frühe Zeit zu verschieben? Meine Intuition sagt: Es ist durchaus möglich, dass Yoga so alt ist. Letztendlich kann es aber keiner so genau sagen was nun stimmt, aber spekulieren ist ja erlaubt, oder? Was denkt ihr?

Tirumalai Krishnamacharya
Śrī Tirumalai Krishnamacharya in Mūlabandhāsana.

Literaturverzeichnis

Eltsov, Peter Andreevich (2004). „From Harappa To Hastinapura: A Study Of The Earliest South Asian City and Civilization From The Point Of View Of Archaeology And Ancient Indian Literature“. Cambridge, Massachusetts: UMI Dissertation Services. Harvard University. S.345 – 357.

Gladigow, Burghard (1995). Europäische Religionsgeschichte. In Hans G. Kippenberg (Hg.), Lokale Religionsgeschichte. Marburg: Diagonal-Verlag.

Gosh, A. (1973). „The City in Early Historical India“. Sima: Indian Institue for Advanced Study.

Osada, Toshiki (2006). „Indus Civilization – Text and Context“. Dehli: Manohar Publishers and Distributors.

Rau, Wilhelm (1976). „The Meaning Of Pur In Vedic Literature“. München: Wilhelm Fink Verlag. S. 49-52.

Tenbruck, Friedrich H. (1992). „Zwischen den Kulturen? Die Sozialwissenschaften vor dem Problem des Kulturvergleichs“. Göttingen: Verlag Otto Schwartz & Co.

Wright, Rita P. (2010). „The Ancient Indus – Urbanism, Economy, and Society“. New York: Cambridge University Press. Osada, Toshiki (2006). „Indus Civilization – Text and Context“. Dehli: Manohar Publishers and Distributors.